Schöner noch als die erste Liebe – Das Buch "Die erste Reise" erzählt von der Suche nach Freiheit

© Charlott Tornow

An meine allererste Reise kann ich mich nicht mehr erinnern. Vermutlich ging es Anfang der 90er Jahre zum Camping-Urlaub an die Ostsee. Im Laufe der Nachwendejahre fuhren wir vor allem mit dem Auto in alle Richtungen Europas, nach Ungarn und runter bis nach Portugal. Ich habe dunkle Erinnerungen an meinen allerersten Flug Ende der 90er, was ziemlich aufregend und unangenehm war – immerhin durfte man damals noch in diversen Verkehrsmitteln und öffentlichen Einrichtungen rauchen, was meine Eltern durchaus intensiv in Anspruch nahmen. Ich war 2010 dreimal in Barcelona, um meinen Exfreund während seines Auslandssemesters zu besuchen. Aber keine Reise hat mich so verändert, wie der dreiwöchige Urlaub in Austin 2012. Das erste Mal Amerika, das erste Mal Langstreckenflug, das erste Mal allein in einem fremden Land. Ich reiste mit schmalem Handgepäck, was bei den amerikanischen Sicherheitsbeamten Ver- oder Bewunderung hervorrief, so genau kann ich das nicht mehr sagen. Und niemand in Berlin-Tegel beschwerte sich über meinen gut gefüllten Flachmann, den ich aus Nervositätsgründen bei mir trug und vermutlich während der ersten zwei Stunden in meine diversen Tonics kippte. Ich fühlte mich im "Land of the free" so unbeschwert und unabhängig wie noch nie und entdeckte währenddessen so richtig meine Sehnsucht für andere Länder und Kulturen.

Fast jede*r von uns hat Erinnerungen an diese eine erste Reise, die etwas für immer veränderte. "Wohin man zuerst gereist ist, was man dabei erlebt hat, wird zu einer prägenden Erfahrung, egal, wie oft man sich danach auf den Weg machte und wohin man gefahren ist", heißt es dazu im Ankündigungstext eines neuen wunderbaren Buches. In "Die erste Reise" erzählen verschiedene Autoren von ihren prägendsten Erfahrungen und schönsten Erinnerungen. Es ist ein Buch, das uns zeigt, welcher Zauber dem Entdecken der Welt inne liegt – fernab von Massentourismus und Pauschalreisen.

Bei uns kannst du mit freundlicher Genehmigung des Verlags einen Auszug aus dem Buch lesen. Viel Spaß!

Auszug aus dem Buch "Die erste Reise"

Das Meer ist nie zu Ende

Meine erste große Reise beginnt mit Fettgeruch unter Neonlicht. München Hauptbahnhof, zwei Uhr morgens, McDonald’s im Untergeschoss. Ein paar müde Gestalten mümmeln Ein-Euro-Cheeseburger, nebenan schläft ein Mann, der seinen Kaffee verschüttet hat. Ich schlafe nicht. Ich friere und behalte meinen Rucksack im Auge. Meinen drei Freundinnen geht es ähnlich: Steffi, Konni und Liv stecken wie ich in dunklen Kapuzenpullovern; wir sehen ein bisschen aus wie eine Antifa-Ortsgruppe, die mit dem ersten Zug zur Demo will. Wollen wir nicht. Wir sind 18 und wollen mit dem ersten Zug nach Paris.

Drei Uhr morgens. Einsteigen bitte! Wir schleppen unser Gepäck durch die Gänge. Irgendwer hat Plätze reserviert, vermutlich Steffi oder Konni, weil die am ehesten pragmatisch denken. Ich gleite auf einen Sitz am Fenster, während mir die Augen zufallen. Sechs Stunden Schlaf bis Gare du Nord. Das heißt, wenn man die Kontrollen durch die Schaffner abzieht. Zwei oder drei Mal wollen sie unsere Tickets sehen. Bitte sehr, einmal gezwackt am Rand, einmal gestempelt mittig.

Nach Paris fährt es sich besser nicht schwarz; wir haben es erst gar nicht probiert – obwohl wir für diese Reise jeden Euro kalkuliert haben. Eine Frau mit blondiertem, toupiertem Haar und Pudel ist da deutlich dreister. Sie schafft es mehr als drei Stunden, sich um die Fahrkartenkontrolle zu drücken und verschwindet wahlweise aufs Klo oder unter den Sitz, wenn sich ein Zugbegleiter nähert. Der Zug rauscht mit 180 Sachen in die Morgendämmerung, als ein SchaÁner sie schließlich doch aufstöbert.

Wo sie hin will? Nach Paris, aber sicher doch. Kein Ticket? Kein Geld? Kein Pass? Kurz hinter der deutsch-französischen Grenze hält der Zug an einem Provinzbahnhof. Die Frau wird hinauskomplimentiert. Und dann steht sie dort auf dem menschenleeren Bahnsteig, ohne Geld, ohne Pass, mit Pudel. Der Zug fährt wieder an, Paris muss warten, zumindest für sie. Auf dem Gare du Nord dampft und wuselt es, als wir um neun Uhr morgens aussteigen. Es ist unglaublich laut, unglaublich schwül und unglaublich aufregend. Wir besorgen uns einen Metro-Plan und Carnets, also Fahrkarten im Fünferpack, und wursteln uns bis nach Montmartre durch, wo wir ein Hostel gebucht haben. Airbnb ist noch nicht erfunden, in Paris wird trotzdem schon jedes Mauseloch vermietet. Unser Zimmer mit zwei eisernen Stockbetten ist so klein, dass wir die Rucksäcke stapeln müssen. Dafür überzeugt es mit einer Blümchentapete aus den Sechzigerjahren und einem gigantischen Blick über die Dächer der Stadt.

Paris ist wie ein Rausch. Wir trinken Café au Lait aus großen Schüsseln, pilgern zu Eiffelturm, Sacre-Coeur und Notre-Dame, fahren mit einem Boot auf der Seine und wehren uns erfolgreich gegen aufdringliche Straßenhändler, die uns bunte Bändchen um die Handgelenke flechten wollen – für 20 Euro. Wir fotografieren die geschmiedeten Metro-Schilder, die an jedem Eingang zur U-Bahn anders aussehen, und wundern uns über Plakate, die Beurgueur bewerben: Was in Gottes Namen ist das? Ach so – die französische Bezeichnung für Burger. Liv spricht als einzige unter uns nicht Französisch, aber wir bringen ihr bei, so perfekt »Je ne parle pas français« zu sagen, dass ihr das kein Franzose mehr glaubt. Und lachen uns halb tot, wenn wegen ihrer perfekten Aussprache wieder jemand wild auf sie einredet – während Liv große Augen macht, leicht verzweifelt mit den Händen fuchtelt und ihr »Je ne parle pas…« zum dritten Mal wiederholt.

"Die erste Reise" ist am 1. Oktober 2020 im Reisedepeschen Verlag erschienen. Hier geht's zum Buch.

© Reisedepeschen Verlag
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