Wildcampen und wandern in England – So meistert ihr den South West Coast Path ohne Geld

© Daan Huttinga | Unsplash

Wandern im UK? Und wie! Nur auf den plötzlich ansteigenden Wasserspiegel sollte man achten, auch nachts, und vor allem dann, wenn das Zelt am Strand steht. Raynor Winn erzählt in ihrem Buch "Der Salzpfad", erschienen im  DuMont Reiseverlag, von ihrem Wanderabenteuer entlang des South West Coast Path, Englands berühmten Küstenweg. Wir dürfen einen Auszug aus dem Buch hier veröffentlichen.

Auszug aus "Der Salzpfad"

Das Geräusch der Brandung ist unverwechselbar. Im Hintergrund das untrügliche Rauschen, darüber das Klatschen der ankommenden Welle und dann das saugende Geräusch, wenn der Rückstrom einsetzt. Es war stockfinster, kaum ein Fünkchen Licht, doch mir genügte das laute Klatschen, um zu wissen, dass es nah sein musste. Ich versuchte, logisch zu denken. Unser Zelt stand ein gutes Stück über der Flutlinie; unterhalb von uns fiel der Strand ab und dahinter lag der Wasserspiegel. Die Brandung konnte uns nicht erreichen, alles in Ordnung. Ich legte den Kopf zurück auf den zusammengerollten Pullover mit dem Vorsatz, weiterzuschlafen.

Nein, gar nichts war in Ordnung, im Gegenteil. Das Geräusch der Wellen kam nicht von weiter unten, sondern von direkt neben uns.

Ich kroch im grünlich-schwarzen Licht durch das Zelt und riss die Zeltklappe auf. Das Mondlicht fiel schräg über die Kliffkante, sodass der Strand vollkommen im Dunkeln lag, während die Wellen, die schäumend ans Ufer schlugen, glitzerten; sie schwappten bereits auf die Sandbank, die nur einen Meter vor dem Zelt endete. Ich schüttelte den Schlafsack neben mir.

»Moth, Moth, das Wasser, es kommt.«

Wir warfen alle schweren Gegenstände in unsere Rucksäcke, schlüpften schnell in die Wanderstiefel, zogen die Stahlheringe heraus und hoben das Zelt hoch, ohne es abzubauen, immer noch mit unseren Schlafsäcken und Kleidern drin, sodass die Bodenplane tief in den Sand hing. Wie ein grüner Riesenkrebs krabbelten wir über den Strand, auf das zu, was noch am Abend ein kleiner Süßwasserbach gewesen war, der ins Meer floss, nun aber ein metertiefer, mit Salzwasser gefüllter Kanal, der sich Richtung Kliff ergoss.

»Ich kann es nicht hoch genug heben. Die Schlafsäcke werden nass werden.«
»Tu doch was, sonst werden nicht nur die Schlaf…!«

Wir brachten uns in Sicherheit. Als sich die Welle zurückzog, sah ich, dass sich der Kanal zu einem breiten Wasserstreifen abflachte, der nur dreißig Zentimeter tief war. Wieder rannten wir los, inzwischen schwappte das Wasser bereits bis weit über die Sandbank hinweg und kam auf uns zu.

»Wir warten, bis das Wasser zurückfließt, dann überqueren wir den Kanal und laufen nach oben.«

Ich war baff vor Staunen. Dieser Mann, der noch vor zwei Monaten kaum ohne Hilfe seine Jacke hatte anziehen können, stand in Unterhosen, den Rucksack geschultert, am Strand, hielt ein aufgeschlagenes Zelt hoch über seinem Kopf und sagte mir, ich solle laufen.

»Lauf, lauf, lauf!«

Das Zelt hoch erhoben platschten wir durch das Wasser und stapften verzweifelt das Ufer hoch, während das Wasser gegen unsere Fersen klatschte und der Rückstrom uns ins Meer zu ziehen drohte. Wir stolperten durch den weichen Sand, die Stiefel randvoll mit Salzwasser, und ließen das Zelt am Fuß des Kliffs fallen.

»Die Felsen hier scheinen mir nicht allzu stabil zu sein. Wir sollten noch ein Stück weitergehen.«
Wie bitte? Wie konnte er um drei Uhr morgens so umsichtig sein?
»Nein.«

Wir waren dreihundertneunzig Kilometer gelaufen, hatten sechsunddreißig Nächte wild gecampt und die meiste Zeit von Trockennahrung gelebt. Der Wanderführer über den South West Coast Path hatte angegeben, wir würden nach achtzehn Tagen hier ankommen, hatte uns Restaurants mit köstlichem Essen und Übernachtungsmöglichkeiten mit weichen Betten und heißem Wasser in Aussicht gestellt. Der Zeitplan und all diese Annehmlichkeiten waren jenseits unserer Möglichkeiten, aber das machte mir nichts. Moth rannte im Mondlicht in einer löchrigen Unterhose, die er seit fünf Tagen ununterbrochen trug, über den Strand und hielt ein aufgeschlagenes Zelt über seinem Kopf. Es war ein Wunder. Besser konnte es gar nicht mehr kommen.

Als wir unsere Rucksäcke packten und Tee kochten, erschien das erste Tageslicht über der Portheras Cove. Ein neuer Tag lag vor uns. Ein ganz normaler Tag zum Wandern. Nur noch 622 Kilometer.

"Der Salzpfad" von Raynor Winn erscheint am 14. Mai 2019 im DuMont Reiseverlag.

© Dumont Verlag
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