Urlaub auf Ibiza? Ja, aber bitte nur im Winter!

© Sabine Spethling

Ibiza. Nun mal ehrlich. Bei dem Gedanken an die Baleareninsel reagieren bei den meisten sofort die Synapsen und das Gehirn projiziert Bilder von wilden Clubnächten und Hangover Cure in Playa d’en Bossa vor das innere Auge. Ich reise mit meinem Freund mindestens zweimal pro Jahr im Frühjahr oder Herbst nach Ibiza. Aktuell verbringen wir zum ersten Mal den Winter hier. Wir wohnen nur wenige hundert Meter neben dem Pacha, dem weltberühmten Club. Im Sommer eine absolute Horrorvorstellung – zumindest für mich. Tausende Partytouristen, die grölend oder auf Stöckelschühchen balancierend durch Eivissa, die Hauptstadt der Insel, laufen, 50 bis 80 Euro Clubeintritt zahlen und sich an der Bar mit schweineteuren Drinks zulaufen lassen. Denn: Jetzt ist man schon mal hier und dann muss man auch zwangsläufig Spaß haben, sonst kann man die exorbitanten Ausgaben nicht vor sich selbst rechtfertigen.

Ich schreibe mit meinem Online-Magazin tunes&wings Reiseführer für Liebhaber elektronischer Musik. Da gleicht Ibiza quasi einem Jackpot. 24/7 geben sich im Sommer DJ-Größen wie Solomun, Carl Cox und Maceo Plex die Klinke in die Hand. Clubs wie das Amnesia, Pacha und Ushuaïa sind weltweit bekannt. Ja, ich liebe diese Musik und gehe gern auf Festivals oder auch mal in einen dunklen Club. Aber die Mega-Clubs auf der Insel bedeuten für mich leider die Hölle auf Erden. Eine fast schon perfide Kommerzialisierung einer Kunstform, die hier tagtäglich auf die Spitze getrieben wird. Den meisten geht es hier nicht um die Musik oder gar Subkultur. Vielen Kerlen geht es gerade in bekannteren Clubs darum, ihre Rolex zur Schau zu stellen und die Mädels mit ihren kurzen Kleidchen und Schlauchbootlippen zu beeindrucken. Wie mir das alles auf den Geist geht! Jeder so wie er oder sie will, aber bitte ohne mich.

Der Sommer ist für die Touristen – der Winter für die Ibizenker

Doch auf Ibiza ist im Winter alles anders. Die Clubs haben geschlossen, Spanisch ist die vorherrschende Sprache, die Straßen sind frei und eine entschleunigende Gemütlichkeit hat sich breit gemacht. Denn viele Restaurants und die meisten Hotels haben im Winter geschlossen. Gerade jetzt, in den vermeintlich „kälteren“ Monaten, werden die schönen Seiten der Insel besonders zum Leben erweckt. Tatsächlich ist Ibiza mein Lieblingsort und ich kann mir gut vorstellen, hier länger zu leben. Denn für mich macht diese Insel etwas ganz Anderes aus als der bekannte Partytourismus. Auch im Sommer halte ich mich meist auf der nördlichen Inselhälfte auf. Diese ist geprägt von Mandel- und Orangenbäumen, steilen Küstenregionen, einsamen Buchten, einzigartigen Wanderwegen, bodenständigen Farmen, unberührter Natur und Orten, an welchen ich das Gefühl habe, die Welt ist noch in Ordnung. 

Tatsächlich hat mir vor einiger Zeit ein Hotelier eines Agrokultur-Hauses im Gespräch berichtet: „Der Sommer ist für die Touristen – der Winter für uns Ibizenker“. Überhaupt kommt man in der Nebensaison viel besser in Kontakt mit den „Locals“. Sie sind entspannt und freuen sich über einen Plausch. 

Ibiza im Winter
© Sabine Spethling
Ibiza mein Lieblingsort und ich kann mir gut vorstellen, hier länger zu leben. Denn für mich macht diese Insel etwas ganz Anderes aus als der bekannte Partytourismus

Ibiza im Winter: Hippieleben galore

Auf den Hippiemärkten samstags in Las Dalias und sonntags in San Juan tummeln sich fast nur Einheimische und genießen das Beisammensein und ihre Kultur in vollen Zügen. Es wird getanzt, gelacht und sich bei einem Cortado oder Cerveza über das schöne Leben unterhalten. Diese Leichtfüßigkeit und Lebensfreude ist ansteckend. Ich habe es mir zum Ritual gemacht, nahezu jeden Sonntag nach San Juan auf den Hippiemarkt zu fahren, mir meinen frisch gepressten Saft für 2 Euro zu holen und den musizierenden Bands zu lauschen. Danach geht’s an die Nordküste zum Wandern. Die einsamen Routen führen meist an Klippen vorbei zu versteckten Stränden, die mit dem Auto nicht erreichbar sind. Dabei sind die 17 Grad gerade perfekt für ein T-Shirt – nicht zu kalt und nicht zu warm. Und auch wenn es nicht wirklich warm genug für einen Sprung ins Wasser ist, wirkt die Ruhe am Meer sehr meditativ. Das Geräusch von Wellen, die das Land berühren, sich wieder zurückziehen und sonst nichts. Immer wieder überkommt mich das Gefühl, dass genau an solchen Orten die Welt noch in Ordnung ist. Politische Krisen und alltägliche Probleme erscheinen mir hier wie von einem anderen Stern.

Nach der Wanderung geht es meist nach Benirrás. Mit einem Glas Wein oder Shandy in der Hand hören wir dort den Trommlern und einem lokalen DJ zu und beobachten den Sonnenuntergang – was man eben als „Local“ am Sonntag auf Ibiza so macht. Dabei ist man umgeben von wuselnden Kids, die am Strand toben und deren Eltern, die sich mit Freunden zum typischen Ausklang des Wochenendes am Strand von Benirrás verabreden. Eine einladende, familiäre Stimmung. Hippies, die sich mit ihren bunten Patchwork-Ponchos und langen verfilzten Haaren in Trance trommeln, gehören ebenso dazu wie der leicht süßliche Geruch nach Marihuana.

Ibiza im Winter
© Sabine Spethling
Ibiza im Winter
© Sabine Spethling

Ein Plädoyer für die Nebensaison

Für mich ist der Winter auf dieser zauberhaften Insel genau der richtige Kontrast zur kalten Jahreszeit im grauen Deutschland. Viele flüchten nach Bali oder Thailand, wo sie auf viele andere Touristen treffen. Ich persönlich bevorzuge im Winter die wärmste aller Baleareninseln – ganz ohne Touristen. Ruhe, das bodenständige Leben und Natur. That’s it. Ende März ist diese Periode hier für mich schon wieder vorbei, aber im Mai und im Herbst werde ich wieder kommen – der Hochsaison im Sommer bleibe ich wohl für immer fern. 

Viele flüchten nach Bali oder Thailand, wo sie auf viele andere Touristen treffen. Ich persönlich bevorzuge im Winter die wärmste aller Baleareninseln – ganz ohne Touristen.
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