Wie sicher und vertretbar ist es, in einer Pandemie Urlaub zu machen?

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Aktuell ist wohl nichts umstrittener als die Frage, ob man während einer Pandemie in den Urlaub fahren kann. Zugegebenermaßen war diese Frage im Sommer kein Thema: Die Infektionszahlen war relativ gering, die Menschen hielten sich zumindest mehrheitlich an die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen und eine nie dagewesene Reiselust überkam die deutschen Urlauber. Dann kam der Winter und die Zahlen explodierten plötzlich – die im März angekündigte und mittlerweile wieder vergessene zweite Welle überrollte uns mit einem Wahnsinnstempo.

Dennoch: Im Gegensatz zum Frühjahr, als das Corona-Virus das erste Mal in Europa auftauchte, Grenzen geschlossen und das gesamte öffentliche Leben heruntergefahren wurde, ist es jetzt im Winter weiterhin möglich innerhalb Europas zu verreisen. Zwar gibt es einige Staaten, die ihre Einreisebestimmungen so verschärft haben, dass Deutsche kaum eine Chance haben, ins Land zu kommen. Aber weder der Flug- noch der Bahnverkehr sind eingeschränkt. Und im Gegensatz zu Deutschland gibt es viele, vor allem südeuropäische Länder, die der Hotelerie, der Gastronomie und dem Einzelhandel gewähren.

Urlaub in einer Pandemie – das ist also möglich. Aber ist es auch vertretbar? Bei der Diskussion gibt es zwei Lager, die gespaltener nicht sein können: Die einen verweisen panisch auf die weiterhin steigenden Infektionszahlen und Corona-Toten in Europa. In den Urlaub zu fahren, wäre ihrer Meinung nach nicht nur egoistisch, sondern auch geradezu fahrlässig. Die anderen argumentieren, dass in den letzten Monaten genügend Hygienemaßnahmen verabschiedet wurden, die sicheres Reisen möglich machen – Hallo Corona-Test, FFP3-Maske und regelmäßiges Desinfizieren.

Aber was sagen eigentlich die Experten zu der Diskussion? Wir haben mal nachgefragt. Und auch hier zeigt sich, dass Deutschland weiterhin gespalten bleibt.

Philip Letsch, Arzt

"Aus Sicht des Arztes ist das Verreisen aktuell nicht zu verantworten. Im Hinblick auf die aktuellen Zahlen, insbesondere der an Corona versterbenden Personen ist Urlaub zur Zeit nicht nur leichtsinning, sonder auch rücksichtslos. Natürlich gibt es Ausnahmen, zum Beispiel wenn man isoliert, also alleine im Auto an einen ruhigen Ort fährt, an dem man weniger Kontakt zu Mitmenschen hat als Daheim. Dann könnte das eine Möglichkeit sein, dennoch Urlaub zu machen. Da das aber nicht der Regelfall ist, sollte zur Zeit von Urlaub generell Abstand genommen werden. Untermauert wird diese Ansicht durch die Lage in Großbritannien, wo es allem Anschein nach zu einer Mutation des Virus gekommen ist. Es sollte alles unternommen werden, die Ausbreitung (des Virus und besonders die der Mutation) weiter einzudämmen, und dazu zählt leider momentan auch der Verzicht auf Urlaub."

Eva Machill-Linnenberg, Wikinger Reisen

"Mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen ist es gut vertretbar – ein Aktivurlaub in der Natur ist mit großer Wahrscheinlichkeit sicherer als Einkaufen im Supermarkt hierzulande. Gerade im touristischen Bereich sind die Schutzmaßnahmen sehr hoch. Es ist zudem vertretbar, weil der Verzicht gravierende Folgen hat, die ihrerseits kaum noch vertretbar sind: Der persönliche Verzicht des Urlaubers ist vielleicht tragbar, aber die Verluste in den Zielgebieten sind es nicht: Hotels, Guides, Restaurant- und Ladenbesitzer, Busfahrer, Köche etc. – sie alle stehen vor dem Nichts, häufig fehlt vor Ort die soziale Absicherung. Auch der Tier- und Naturschutz gerät in Gefahr, weil er nicht mehr finanzierbar ist, die Kriminalität steigt, weil die Existenz bedroht ist. Insofern ist es letztlich vertretbarer Urlaub zu machen, als darauf zu verzichten …

Wichtig sind einerseits die Sicherheitsvorkehrungen während der Anreise und vor Ort – hier ist jeder auch für sich und seine eigene Sicherheit mit verantwortlich. Zu beachten sind außerdem die Einreisebedingungen in den Zielgebieten. Die Vorgaben sind teilweise sehr verwirrend und ändern sich dauernd. Wir haben daher gerade auf unserer Website eine neue Rubrik „Reisen in Zeiten von Corona“ eingerichtet: Dort informieren wir gerade Kurzentschlossene tagesaktuell über das, was wo und wie gerade geht."

Georg Kössler, Politiker

"Die Politik wird ständig von der Wissenschaft beraten. Wir bekommen Informationen und haben ein Set an Tools, die wir gut ausbalancieren müssen. Es gibt aber keine Coronapolitik, die allen gefallen wird – das wäre illusorisch. Wir ringen daher oft eher über die Begründung, warum eine Maßnahme ergriffen wird und eine andere nicht: Ist es gerechtfertigt, dass zum Beispiel mit Blick auf Urlaub die Mobilität eingeschränkt werden muss? Wenn wir uns die aktuelle Situation anschauen, dann muss man einfach sagen: Ja, es ist gerechtfertigt! Reisen ist aktuell nicht sinnvoll. Tourismus an sich ist nicht das Hauptproblem, es ist die Mobilität – egal, ob Privatpersonen oder Geschäftsreisende, sie tragen das Virus immer weiter herum. Natürlich ist das Covid19-Virus nun schon fast überall, aber es gibt neue Mutationen, die man eindämmen muss, weil ihre Wirkung noch nicht komplett erforscht ist. Dafür stehen wir alle in der Verantwortung. Und auch mit Blick auf das Klima sind ferne Reisen im Winter vielleicht ein Luxus, den wir wieder verlernen müssen."

Magdalena Mair, Hotel SILENA Südtirol

"Das SILENA hat bereits im Frühjahr viele Vorkehrungen getroffen, damit Gäste ihren Urlaub sicher bei uns verbringen können. Einige Beispiele: Die Desinfektion der Zimmer wurde neu überdacht und ausgeweitet. Der Abstand der Tische im Restaurant, der Sitzmöglichkeiten in unserer Lounge oder der Liegen im Wellnessbereich wurde angepasst. Die Mitarbeiter wurden entsprechend geschult. Listen über Teilnehmer, zum Beispiel bei Yoga oder Wanderungen, wurden erstellt, um eine Kontaktverfolgung zu gewährleisten. Es wurde ein Notfall-Plan entwickelt, sollte ein Corona-Fall eintreten. Auf alle Fälle haben sich diese Maßnahmen in der Sommer- und Herbstsaison bewährt und unseren Gästen einen sicheren Urlaub garantiert. Wir sind deshalb überzeugt, dass ein sicherer Urlaub auch in diesen Zeiten möglich ist und es vertretbar ist, zu reisen. Der Schlüssel zu sicherem Reisen ist sicherlich ein stimmiges Hygienekonzept in den Betrieben und der verantwortungsvolle Umgang damit seitens der Mitarbeiter – aber natürlich auch seitens des Gastes. Was natürlich nicht vergessen werden darf: Auch die An- und Abreise und der Aufenthalt des Gastes außerhalb des Hotels muss beispielsweise von Raststätten oder Skihütten sicher gestaltet werden. Wir sind aber überzeugt, dass sich hier jeder seiner Verantwortung bewusst ist und ansonsten auch der Gast selbst sensibilisiert ist, mögliche Gefahrenquellen zu erkennen und diese zu meiden. Wir blicken deshalb positiv in die Zukunft und hoffen, dass wir bald wieder unter Beweis stellen dürfen, dass das SILENA ein sicheres Haus für Erholung, Entspannung und Loslassen in dieser unsicheren Zeit ist."

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