Wie du dir die Urlaubsstimmung bewahrst, wenn alles schief geht...

© Milena Magerl

Verschwitzt und erschöpft sitze ich auf staubigem Boden, angelehnt an die Wand irgendeiner alten Lagerhalle, während mir die 36 Grad heiße Mittagssonne ins Gesicht scheint. Eigentlich kann es mir ja nie warm genug sein, aber in diesem Moment wünsche ich mir ein bisschen Schatten – und Wasser wäre irgendwie auch nicht schlecht, wenn ich mir den kläglichen, zwei Finger breiten Rest in der Flasche zu meinen Füßen anschaue. Ich muss lachen, denn ich fühle mich ein wenig an Breaking Bad erinnert und spiele eine dieser verzweifelten Szenen in der trockenen Wüste von New Mexico vor meinem inneren Auge ab. Klar, unsere Situation ist nicht nur geografisch – aktueller Schauplatz: die französische Insel Korsika – meilenweit von diesem Szenario entfernt, aber wie schnell kann sich eine Lage bitte ändern? Noch vor Kurzem haben wir entspannt und sorglos am Strand gelegen und absolut happy die zweite Urlaubswoche eingeleitet.

Jetzt sitzen wir, seit drei Tagen ungeduscht (weil Naturcamping), schon vier Stunden lang auf irgendeinem Parkplatz inmitten eines Industriegebietes, haben keine Ahnung, wie es weiter gehen wird und lauschen dem Rauschen der Autobahn statt den Wellen des Mittelmeers. Tja, c'est la vie, denke ich und muss wieder lachen. Dabei fällt mir auf, wie entspannt ich trotz des vorzeitigen Urlaubsendes und der ungewissen Situation gerade bin. Und irgendwie fühlt sich das ziemlich gut an.

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© Milena Magerl | Lukas Popp

Panne im Urlaub – Gute Laune trotz schlechter Nachrichten

Ganz so sehr überrascht mich unsere aktuelle Lage nicht, denn bisher wurden wir in jedem Campingurlaub mit unserem Dachzelt von kleinen und großen Widrigkeiten überrascht, darunter Motorschäden in Australien oder auch Autoeinbrüche und zerstörte Fensterscheiben in Kroatien. Wieder muss ich grinsen, denn eigentlich habe ich genau diese Urlaube als besonders schön in Erinnerung. Mal ein kurzer Abriss, was eigentlich passiert ist: Wir waren mit dem Dachzelt und einem alten Auto auf Korsika unterwegs – soweit so bon. Als wir einen unser liebsten Spots der französischen Insel verlassen und weiterziehen wollten, streikte unser Auto. Eine Panne im Urlaub, was jetzt? Diagnose der Einheimischen, die uns Gesellschaft geleistet haben, während sich der Abschleppdienst nicht blicken ließ: Motorversagen durch Altersschwäche.

Nach mehreren Telefonaten von fremden Handys und allerlei Übersetzungshilfen bemühter französischer Tourist*innen, konnten wir es kaum glauben, als der Pannendienst es schließlich gute eineinhalb Tage später schaffte, die Koordinaten zu entziffern und uns aufzugabeln. Ok, Rettung ist nah! Oder doch nicht? Als wir fünf fünf Stunden später an einer Werkstatt abgesetzt wurden, verzog sich die Belegschaft jedenfalls erst einmal in eine endlose Lunch-Pause – vielleicht, um unseren rudimentären Französisch-Kenntnissen zu entfliehen? – und ließ uns ziemlich verloren an der Lagerhalle zurück.

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© Milena Magerl

Also warten wir und warten und warten. Endlich meldet sich die Autoversicherung unseres Vertrauens zurück: "Sie müssen sich wohl noch bis Mittwoch gedulden, bis das Auto untersucht wird. Auf der Insel weht ein sehr entspannter Wind". Es ist Freitag und somit liegt der folgende Mittwoch für uns noch in weiter Ferne – und außerdem außerhalb unserer Urlaubszeit. Ziemlich schnell stellen wir uns darauf ein, dass wir uns erst einmal von unserem fahrbaren Hotel verabschieden müssen.

Doch wie kommen wir eigentlich ohne Auto zurück? Wie transportieren wir unsere komplette Camping-Ausstattung nach Deutschland? Haben wir eigentlich einen Rucksack dabei? Was passiert mit dem Dachzelt, wenn das Auto verschrottet wird? Wo übernachten wir heute? Und wie kommen wir nun überhaupt zur Fähre auf der anderen Seite der Insel? Das sind nur einige Fragen, mit denen wir uns plötzlich konfrontiert sehen. Mein Handy vibriert, noch 10 Prozent Akku. Wir schauen uns an und lachen – ziemlich ausgiebig und lange. Vielleicht ein bisschen verzweifelt, aber auch ein bisschen amüsiert, denn es liegt an uns, was wir aus dieser Situation machen.

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© Milena Magerl
Wir schauen uns an und lachen – ziemlich ausgiebig und lange. Vielleicht ein bisschen verzweifelt, aber auch ein bisschen amüsiert, denn es liegt an uns, was wir aus dieser Situation machen.

"Weißt du was: Egal, ob der Urlaub hiermit beendet ist oder nicht, egal, was uns noch erwartet – lass uns einfach versuchen, entspannt zu bleiben und dankbar für das zu sein, was wir in diesem Urlaub erlebt haben und uns diese Erinnerungen positiv bewahren". Als wir vor noch zwei Tagen gestrandet im Nirgendwo am Wasser sitzen und darauf warten, dass der Abschleppdienst zu unserer Rettung naht, einigen wir uns darauf, jeden Moment möglichst gut auszukosten und keine Energie und Zeit mit unnötigen "Was-wäre-gewesen-wenn"-Überlegungen zu verplempern.

Dass wir am Ende überraschender Weise unseren Urlaub in Paris ausklingen lassen, genüsslich ein frisches Pain au Chocolate nach dem anderen schnabulieren und eine Ode an das Leben singen, wissen wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Doch ich bin absolut sicher, dass wir nur dort gelandet sind, weil wir uns trotz all der kleinen und größeren Komplikationen nicht aus der Urlaubsruhe haben bringen lassen.

Nachdem wir also Busrouten und Zug- sowie Fährzeiten checken, ist klar, dass wir auf dem ursprünglichen Weg über Italien ganze acht Mal umsteigen müssten, um nach Hause zu gelangen. Mietwägen sind keine Option, denn die sind auf Grund von Corona derzeit rar und extrem teuer. Wir telefonieren also mit sämtlichen Betreibern, buchen schließlich um und steuern mit der Fähre die Südküste Frankreichs an. Diese fährt allerdings nicht in zwei Tagen, sondern in knapp vier Stunden.

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© Milena Magerl

Neu planen, umbuchen und anpassen

Der Inselurlaub ist somit offiziell beendet und wir machen uns ans Umpacken. Koffer und Rucksäcke haben wir natürlich keine dabei und ob und wie unser Sammelsurium an Camping-Equipment nach Deutschland kommt, ist auch nicht klar, also packen wir das Nötigste zusammen und machen uns mit IKEA-Tüten, Plastikbeuteln und Taschen auf den Weg zum Hafen. Nun trennt uns nur noch eine neunstündige, kalte und harte Nacht auf der Fähre – Kabinen sind natürlich seit Wochen ausgebucht und Decken konnten wir keine mehr tragen – von unserem ersten Etappenziel Toulon.

Auf dem Schiff finden wir dann auch endlich etwas zu essen und glauben dank trockenem Baguette und Nüssen im kulinarischen Himmel zu schweben. Das Highlight: Neben unserem Nachtlager auf dem Schiffsboden gibt es eine Steckdose. Wir nutzen also die Zeit, um endlich einen Zug zu buchen und beschließen eine Nacht zur Regeneration in Paris einzulegen. Wir haben ja immerhin noch Urlaub.

Eine herzzerreißende, italienische Singstimme dröhnt durch die Lautsprecher und weckt uns um 5.30 Uhr unsanft aus dem wenig erholsamen Schlaf. Wir packen zusammen, stolpern müde aus dem Schiffsbauch und machen uns mit unseren etlichen Gepäckstücken auf den Weg zum Bahnhof – zu Fuß, denn so früh sind zwar schon viele Fischer*innen, aber keine Busfahrer*innen unterwegs. Dann heißt es wieder warten, bis wir sehnsüchtig das monotone Rauschen des TGV hören, der uns in die französischen Hauptstadt bringen soll. Dort treffen wir, diesmal absolut nach Plan, am späten Nachmittag ein und unsere Urlaubs-Odyssee findet nach vier Tagen ein Ende. Wir sind erschöpft, aber überglücklich und erleben ein echtes High, als wir in unsere Hotelbetten fallen und einem Fremden lauschen, der vor unserem Fenster von der Liebe singt. Ist das Leben nicht schön?

Die Situation ist, wie sie ist, die Zukunft kommt, wie sie kommen will. Und eigentlich können wir sie nur insofern beeinflussen, wenn wir uns in Dankbarkeit üben und schnellstmöglich an jeden Moment anpassen.
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© Milena Magerl | Lukas Popp

Denn seien wir mal ganz ehrlich: Das Leben verläuft, wie du wahrscheinlich selbst aus eigener Erfahrung weißt, meistens nicht unbedingt wie geplant – Ausnahmen für Urlaubszeiten und Reisen gibt es da meistens leider keine. Was ich damit sagen möchte, ist: Die Situation ist, wie sie ist, die Zukunft kommt, wie sie kommen will. Und eigentlich können wir sie nur insofern beeinflussen, wenn wir uns in Dankbarkeit üben und schnellstmöglich an jeden Moment anpassen. Denn so haben wir die Möglichkeit, uns auf gute Erinnerungen fokussieren und das Beste daraus zu machen  – zum Beispiel aus einer Panne im Urlaub einen genialen Urlaubsabschluss in Paris.

Ich bin der Meinung, dass wir diese auf Dankbarkeit ausgerichtete Haltung immer mit in den Koffer packen sollten. Denn sie gibt uns die Gelegenheit, uns auf jeden Moment einzulassen und auf die Lösung eines Problems zu konzentrieren, statt enttäuscht zu sein und uns von negativen Gedanken die Urlaubsstimmung vermiesen zu lassen. Und genau in dieser Anpassungsfähigkeit und Wertschätzung steckt doch die Quintessenz des Reisens: Wir wollen uns ganz den Erlebnissen hingeben, offen für Neues sein, Veränderungen willkommen heißen und aus jeder Erfahrung lernen.