Einmal hoch zu Ross sitzen – Zum Reiturlaub auf Gut Sarnow in Brandenburg

© Milena Magerl

Ich stehe am Fenster unseres Hotelzimmers, das direkt auf den Hof hinaus geht. Gerade ist die glühende Sonne hinter den Dächern von Gut Sarnow verschwunden. Obwohl der Tag wolkenverhangen war, ist der Himmel zu später Stunde noch einmal aufgeklart. Noch hat die Dunkelheit nicht ihren schwarzen Mantel um die Landschaft gelegt und der Himmel leuchtet in einem intensiven Blauton, der sich mit jeder Sekunde zu verändern scheint. Es ist dieser unbestimmte Moment, in dem der Tag bereits der Vergangenheit angehört, die Nacht aber noch nicht begonnen hat. Ich könnte ganze Bücher über dieses magische Gefühl verfassen, dass mich jedes Mal überkommt, wenn die blaue Stunde eintritt. Während die Neonlichter der Stadt diesem alltäglichen Naturspektakel meistens die Show stehlen, lässt sich die abendliche Farbpalette auf dem Land, fernab jeglicher Lichtquellen, erst so richtig genießen.

Um der Stadt zu entfliehen, bin ich für ein Wochenende raus nach Brandenburg gefahren. Denn nur unweit der Großstadt, nämlich gerade mal eine gute Stunde von Berlin entfernt, erstreckt sich ein Fleckchen fast noch unberührter Natur. Die stille Landschaft des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin ist von sanften Hügeln, leuchtend blauen Seen und dichten, tiefgrünen Wäldern durchzogen, wie man sie eigentlich eher in einsamen Regionen Skandinaviens vermutet.

Vogelgezwitscher statt Handywecker

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© Milena Magerl

Inmitten dieses natürlichen Kleinods befindet sich auf einer ruhigen Lichtung das malerische Gut Sarnow. Das Leben auf dem alten Gutshof ist sehr naturnah. Nachts kann man bei offenem Fenster schlafen und am frühen Morgen lässt man sich von dem angeregten Gezwitscher der Vögel wecken.

Der schicke Gutshof wurde bereits im 18. Jahrhundert gebaut, die genaue Jahreszahl ist nicht bekannt, doch anhand der typischen märkischen Architektur lässt sich die Vergangenheit gut erkennen. Denn während hier früher der Landadel zuhause war, wurde das Gut nach der Wende zu einem schicken Hotel mit Reiterhof umgebaut, um die Tradition der Pferdehaltung fortzuführen, die sich hier bereits in den 1970er Jahren etablierte.

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© Milena Magerl

Heute wird Gut Sarnow von Familie Sievers bewirtschaftet. Um die strahlend weißen Gebäude mit den typischen dunkelgrünen Fensterläden und den großen Hof in seinem altehrwürdigen Glanz erstrahlen zu lassen, haben sich Kristina und Ulrich Sievers bei der Renovierung des Gutes an alten Plänen und historischem Baumaterial orientiert. Der Hof wurde mit alten Pflastersteinen aus der Region ausgelegt und der Wintergarten aus einem Metallkonstrukt des Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Dortmund angefertigt. Kein Wunder, dass so viele Paare diesen Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit für ihre Hochzeitsfeier auserkiesen.

Auch heute noch gehören zu Gut Sarnow zwei Reitanlagen und eine riesige Pferdekoppel, auf der sich über 60 stattliche Pferde und süße Ponys den ganzen Tag vergnügen dürfen. Wer auch einmal wie Winnetou und Old Shatterhand in den Sonnenuntergang reiten will, kann sich hier ein Pferd leihen und für einen Ausritt in die Schorfheide entführen. Unerfahrene Reiter klettern während einer individuellen Reitstunde erst einmal auf den Rücken eines erfahrenen Schulpferdes – oder, wer die Höhe fürchtet, auf den eines kleinen Ponys.

Das Glück auf dem Rücken eines Pferdes finden

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© Milena Magerl

Ich gehöre definitiv zur letztgenannten Kategorie, denn bisher saß ich erst einmal während eines Irland-Urlaubes auf dem Rücken eines Pferdes. Damals war ich nicht besonders Pferde-verrückt, aber nun spaziere ich neugierig entlang der großen Weiden und beobachte die Vierbeiner, die unentwegt mit Fressen beschäftigt zu sein scheinen. "Das stimmt", sagt Pferdetrainerin Yvonne Kienast, "Pferde müssen bis zu 16 Stunden am Tag Nahrung zu sich nehmen. Sie sind so genannte Dauerfresser." Klingt irgendwie sympathisch. Vielleicht sollte ich mich zum Lunch, statt zum Reiten mit einem der Gutspferde verabreden.

Im Gegensatz zu mir kennt sich Yvonne bestens mit Pferden aus. Seit ihrem dritten Lebensjahr reitet sie. Zwischendurch hat sie mal eine kleine Pause eingelegt und ist ganze 10 Jahre nicht durch die brandenburgische Prärie geritten, doch "Reiten verlernt man nicht", sagt sie. Mittlerweile hat sie ihr Lieblingshobby wieder aufgenommen und arbeitet als Pferdetrainerin und Reitlehrerin auf Gut Sarnow: "Mein Tag beginnt sehr früh. Von sechs Uhr morgens bis 21 Uhr abends kümmere ich mich um die Pferde". Heute Vormittag hat sie bereits 10.000 Schritte zurückgelegt.

Gemeinsam laufen wir über die Weide auf der Suche nach dem perfekten Pferd für mich, denn die Wahl hängt nicht nur von meiner Größe und meinem Gewicht, sondern vor Allem auch von Leistungsstand und Reiterfahrung ab. Doch Yvonne hat schon eines ihrer Pferde im Kopf, das gut zu mir passen könnte. Saphira heißt die Stute. Sie ist 18 Jahre alt und soll ein sehr entspanntes, wenn auch eher sensibles Pferd sein, so Yvonne. Denn ebenso wie wir Menschen hat auch jedes Pferd einen eigenen Charakter. Na mal sehen, ob Ross und zukünftige Reiterin zusammenpassen.

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© Lukas Popp
Pferde spiegeln deine Emotionen und dein Verhalten. Wenn du ganz ruhig und entspannt bist, überträgt sich das auch auf deinen Reitbuddy.
Yvonne Kienast

"Pferde sind Fluchttiere", erklärt Yvonne, "deshalb ist es wichtig, dass du immer neben deinem Pferd herläufst, wenn du es von der Weide führst, und nach vorne blickst. Denn das vermittelt dem Tier den Eindruck, dass es in der Richtung, in die ihr geht, nichts zu befürchten gibt". Bevor ich losreiten kann, wird mein Pferd erst einmal einem echten Wellness-Programm unterzogen – inklusive Pediküre. Diese Grundreinigung ist nicht nur wichtig, damit Saphira das schönste Pferd im Stall, sondern auch gesund bleibt. Nachdem ich sie gestriegelt, ihr Fell gebürstet und die wirre Mähne und den langen Schweif gekämmt habe, bekommt sie noch ein kleines Gesichts-Treatment.

Während manche Pferde diese Behandlung genießen, sträuben sich andere dagegen. Yvonnes Tipp für angehende Pferdeflüster*innen: "Pferde spiegeln deine Emotionen und dein Verhalten. Wenn du ganz ruhig und entspannt bist, überträgt sich das auch auf deinen Reitbuddy". Danach geht's ans Tresen. Wichtig ist hierbei, dass das Zaumzeug sich angenehm an den Körper anschmiegt und das Pferd in seiner Bewegungsfreiheit nicht einschränkt. Nach gut einer Stunde sind wir dann auch endlich ausrittbereit und es geht auf den Reitplatz.

Ehe ich mich versehen kann, sitze ich schon hoch zu Ross und lasse mich von Yvonne und Saphira im Kreis herumführen – die Beiden sind ein eingespieltes Team. Ich muss eigentlich ziemlich wenig machen, außer meine Füße zu flexen, gerade zu sitzen, die Schultern zurückzuziehen und mit meiner Hüfte rhythmisch hin und her zu wippen. So können Pferd und Reiter*in eine Symbiose bilden: "Während eines Ritts ist dein Pferd in der Lage, deine Atmung und deine Körperspannung wahrzunehmen. Wenn du deine Muskeln anspannst, wird das Pferd schneller. Atmest du entspannt und lässt alle Muskeln los, verlangsamt es und bleibt vielleicht sogar stehen", erklärt Yvonne.

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© Lukas Popp

Nach einer guten halben Stunde kann ich so langsam meine Waden spüren und freue mich auf ein Päuschen auf der sonnigen Terrasse des Gutes. Yvonne hingegen ist schon auf dem Weg zum nächsten Einsatz: Eines ihrer Pferde hat eine Verletzung am Huf, die sie sich nun genauer anschauen will. Die herzensgute Profi-Trainerin hat das Unmögliche wahr werden lassen: In nur kürzester Zeit hat sie es geschafft, mein Desinteresse gegenüber Pferden in wahre Begeisterung für die Tiere zu verwandeln.

Nach dieser innigen Begegnung mit den Pferden kann es also gut sein, dass man dieses kleine Idyll in der Schorfheide gar nicht mehr verlassen will. Wer auf der Suche nach Tiefenentspannung ist, kann auch direkt einen Kurzurlaub auf Gut Sarnow buchen – allein oder gleich mit der ganzen Familie. Denn Yvonne versteht es auch den kleinsten Pferdenarren und -närrinnen das Reiten beizubringen. Während eines Pferdeschnupperkurses können Kids in den ersten Kontakt mit Pferd und Pony treten und mehr über die Welt ihres Lieblingstieres lernen. Die Nachmittage kann man damit vertrödeln, die ruhigen Waldwege der Schorfheide entlang zu spazieren, die fast immer zu einem tiefblauen Seen mit versteckten Badestellen führen.

Gut Sarnow | Eichhorster Chaussee 5, 16244 Schorfheide | 90-minütige Reitstunde: 40 Euro. Kurzurlaub mit Reitstunde: 169 Euro pro Nacht, inklusive Halbpension. Pferdeschnupperkurs oder Naturforscherprogramm (5 Übernachtungen mit Frühstück für zwei Erwachsene und ein Kind): 690 Euro | Mehr Infos

Ich wurde von Gut Sarnow eingeladen. Das beeinflusst aber nicht meine ehrliche Meinung.