Wer sich (ewig) binden will, sollte vorher zusammen in den Urlaub fahren

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von Stephan Phin Spielhoff

Ganz ehrlich? Ich habe Lissabon gehasst. Die Enge, die tieffliegenden Flugzeuge, die aufgegebenen Häuser, der schlechte Touristen-Nippes. Wie in einem Fischschwarm sind mein Freund und ich mit der Masse geschwommen. Und als wir dann in einem verfallenen Botanischen Garten in Belém die obligatorischen Pasteis de Nata aßen, während wir deshalb von Pfauen mit gekappten Federn belagert wurden, dachte ich mir: "Kein Wunder, dass wir in den zwölf Jahren, in denen wir zusammen sind, noch nie zusammen allein in den Urlaub gefahren sind. Der ganze Trubel lohnt sich nicht."

Ja, ihr habt richtig gelesen. Vor unserem Urlaub in Portugal vor zwei Jahren sind mein Freund und ich tatsächlich noch nie zusammen allein in den Urlaub gefahren. Wir haben immer Freunde und Familie besucht. Oder er hat mich mitgenommen, wenn er auf Kreta oder in Spanien arbeiten musste. Aber zu zweit, allein, ohne zu arbeiten oder jemanden zu besuchen, sei es auch nur für ein Wochenende, das haben wir in zwölf Jahren einfach nie getan.

Je länger du etwas nicht tust, desto größer wird die Hürde

Nach zwölf Jahren Beziehung klingt es ein wenig wie eine billige Ausrede, wenn ich sage, dass es sich einfach nicht ergeben hat. Er ist freier Schauspieler, also ist es jedes Jahr unklar, wann er Urlaub nehmen kann. Bekannte von mir planen ihre Ferien ein Jahr im Voraus. So was geht bei uns nicht. Außerdem versuche ich manchmal extrem praktisch zu sein: Wenn ich schon wohin fahre, kann ich doch auch jemanden besuchen. Dann habe ich das hinter mir und wahrscheinlich auch noch ein bisschen Geld gespart, weil ich bei meinen Freunden oder Bekannten unterkommen konnte.

Dazu kommt: Je länger du etwas nicht tust, desto größer wird die Hürde. Und überhaupt, ist es nicht möglich, dass der einzige Grund, warum wir es so lange miteinander ausgehalten haben, jener ist, dass wir nie zusammen allein in den Urlaub gefahren sind? Irgendwo muss doch der Trick sein, ein kosmisches Gleichnis. Wer will schon den Kosmos auf die Probe stellen?

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Der erste Urlaub allein zu zweit also. Als wir vor unserer Abreise an die Algarve noch kurz Verpflegung besorgen wollten, landeten wir auf einem öffentlichen Platz in Lissabon, an den ich noch heute denke. Er war vollkommen von einem Baum überwachsen, der schwarze Beeren trug und fleischige Äste hatte. Ich wollte mich unbedingt an den Geruch erinnern und atmete tief ein. Etwa wie nasser Asphalt oder Moos. Ich habe gedacht: OK, wenn das ein Omen ist, wird dieser Urlaub für uns vielleicht nicht übel enden.

Unser Feriendomizil in Portugal befand sich in einem Tal im Distrikt Faro, an einer unbefestigten Straße. Man konnte sich in das Haus nur verlieben, es war gedrungen und weiß getüncht. Allein der Name: Monte West Coast. Im Bad und in der Küche befanden sich die schönsten Fliesen und uns wurde versprochen, dass jeden zweiten Tag ein frisches Sauerteigbrot vor der Tür liegen würde. Wir reisten schon minimal außerhalb der Saison, also waren alle anderen Häuser auf dem Gelände unbewohnt und wir wirklich allein. Um uns herum die Berge. In der Entfernung hörten wir Ziegen. Ein paar Meter weit weg gab es einen Salzwasserpool. Und eine Katze kam immer wieder in die Wohnung, als gehörte ihr der Laden. Ich fand auf der Veranda sofort den perfekten Platz, um meinen Debütroman zu überarbeiten und in der Nacht krochen aus dem Stroh unterm Dach große Spinnen. Aber wir schlossen schon am ersten Abend mit ihnen einen Friedensvertrag und es gab danach keine Scharmützel.

Unsere Vermieterin hatte uns alle Strände aufgeschrieben, deren Besuch sich lohnen würde. Jeden Tag fuhren wir zu einem davon. Nach einer Woche waren wir uns einig, dass der Strand, der sowieso am nächsten lag, auch der beste war. Die richtige Mischung aus Sand, Wellen, Bergen und so wenig Menschen wie möglich. Wir mieteten uns Sonnenschirme, lasen Bücher, schwammen so weit hinaus, wie wir es uns trauten. Wir besuchten Restaurants an der Steilklippe, mit Aquarien voller Algen und Tischdecken aus Wachs. Obwohl ich keine Meeresfrüchte mag, aßen wir seltsam süße Seespinnen, vor denen sich selbst mein Freund gruselte. Und zum Dessert gab es einen fantastischen Süßkartoffelkuchen mit irgendwelchen Beeren. Eine regionale Spezialität. Ich habe seitdem immer wieder versucht, das nachzubacken und bin jedes Mal tüchtig gescheitert.

Die wirklich großen Gedanken über die Liebe entstehen erst dann, wenn man zu zweit alle Zeit der Welt hat

Ich weiß nicht warum, aber wir fingen an, übers Heiraten zu sprechen. Vielleicht lag es daran, dass wir jeden Tag mindestens eine Stunde Auto fahren mussten. Oder daran, dass es ab Oktober für homosexuelle Paare tatsächlich legal sein würde. Eigentlich war mir so ein Happening immer egal. Warum sollte man sich den Stress machen? Ich muss mir doch nicht offiziell bestätigen lassen, was wir füreinander bedeuten. Aber da, wo wir nur uns zum Reden hatten, war es auf einmal ein großes Thema, in das wir so viel Drama packen konnten, wie wir wollten. Wahrscheinlich lag es auch an der Szenerie. Worüber will man sonst reden als über die ganz ganz ganz große Liebe, während über dem Meer die Sonne untergeht?!

Allein die Gästeliste enttarnte sich schnell als Puzzlebox, deren Lösung wir nicht finden konnten. „Ich meine, wir müssen ja keine Party feiern. Wir können einfach, nach und nach, alle unsere Freunde zu uns in die Wohnung einladen und anstoßen.“
„Technisch gesehen, würde ich auch nur heiraten wollen, damit meine Eltern auch dir, wie meinen Schwägerinnen, ein Schmuckstück schenken, das sie aus alten Schmuckstücken zusammengeschmolzen haben.“ „Es ist ganz einfach wichtig, falls dir mal was passiert.“
„Einen Hochzeitskuchen will ich schon. Schokolade, selbstverständlich. Obwohl dieser Süßkartoffel Kuchen auch ziemlich genial ist.“ Unsere Gespräche über die Zukunft bewegten sich zwischen nebeligen Aussagen, undurchsichtig und entfernt, und hyper konkreten Details. Dazwischen gab es kein Gelände.

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Was glaubte ich eigentlich, würde schiefgehen? Dass wir auf einmal etwas in dem anderen entdecken, das uns nach 12 Jahren nicht gefallen würde oder vorher nicht aufgefallen war?

Was glaubte ich eigentlich, würde schiefgehen? Dass wir auf einmal etwas in dem anderen entdecken, das uns nach 12 Jahren nicht gefallen würde oder vorher nicht aufgefallen war? Es klingt so schön dramatisch. Aber wir waren wir. Er und ich. Was willst du mehr? Der Schauspieler Bill Murray sagte mal, unangemeldet auf einer Hochzeit, dass man erst eine Weltreise gemacht haben müsste, um den anderen wirklich kennenzulernen. Dann erst könne man sich ewig binden. Ich sage: Das Geheimnis von 12 Jahren Beziehung liegt nicht im Mangel an Urlaub. Aber, und da gebe ich ihm Recht, die wirklich großen Gedanken über die Liebe entstehen vielleicht wirklich erst dann, wenn man zu zweit alle Zeit der Welt hat.

Die Gespräche über die Hochzeit verschwanden auf der Autofahrt zurück nach Lissabon. Wir hatten uns darauf geeinigt, ein paar Sachen vom Anwalt regeln zu lassen. Das fand ich sehr praktisch. Und warum sind wir seitdem nicht wieder allein zusammen in den Urlaub gefahren? Ich glaub, wir hatten keine Zeit. Und wir mussten seinen Onkel besuchen und meine Eltern und da war noch diese Hochzeit von Freunden in Italien letztes Jahr. Und ich schwöre es, nächste Woche habe ich den Termin beim Anwalt, um die paar Sachen regeln zu lassen. Dass ich jetzt manchmal nach Eheringen suche, hat damit nur entfernt zu tun. Vor allem, weil die alle immer so hässlich sind.

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