"Schwarze Reisende werden wie Zootiere behandelt" – Wie rassistisch ist eigentlich die Reisebranche?

© Rodrigo Borges de Jesus | Unsplash

Viele halten die Black Lives Matter-Bewegung für eine dringend notwendige Zeitenwende, andere finden die Diskussion zu einseitig – immerhin würden nicht nur Schwarze Menschen diskriminiert. Fakt ist: Wir müssen uns damit auseinander setzen, dass viele gesellschaftliche Strukturen inhärent rassistisch sind. Auch wir beim Reisevergnügen haben uns mit unserer eigenen Haltung und unseren Inhalten auseinander gesetzt. Auch wenn wir uns selbst nicht als rassistisch bezeichnen würden (natürlich nicht!), haben wir doch festgestellt, dass Vielfalt hier zwar stattfindet, aber Schwarze Kreative unterrepräsentiert, ja, eigentlich nicht gezeigt werden. Und das Problem liegt nicht nur bei uns, sondern in der Reisebranche allgemein. Ich muss gestehen, dass auf allen Pressereisen, an denen ich im letzten Jahr teilgenommen habe, kein*e einzige*r Schwarze Journalist*in anwesend war. Jedes Mal, wenn ich bei Stockfoto-Seiten nach Reisefotos schaue, werden mir lediglich glückliche weiße Urlauber angezeigt. Wo sind all die Schwarzen Reisenden, all die Schwarzen Journalist*innen in Europa?

Genau das habe ich Martina Jones-Johnson, Autorin und Gründungsmitglied der Black Travel Alliance gefragt. Die BTA ist ein weltweiter Zusammenschluss Schwarzer Autor*innen, die sich für mehr Vielfalt in der Reisebranche einsetzen. Warum die Reisebranche rassistisch ist, was sie fordern und was ihre Erfahrungen als Schwarze Reisende sind, hat Martina mir im Interview* verraten.

Black Travel Alliance
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Martina, welche Erfahrung hast du als Schwarze Frau beim Reisen gemacht?

"Noch bevor ich 23 Jahre alt wurde, hatte ich auf drei Kontinenten gelebt und gearbeitet. Die Welt zu bereisen hat mich und meine Art zu denken geprägt. Auf Reisen habe ich sogar meinen Mann kennengelernt. Meine Reiseerfahrungen waren bisher mehr als positiv. Nichtsdestotrotz recherchieren Schwarze Reisende oft, ob ein Land rassistisch ist, bevor sie dort hinfahren. Wenn ich weiß, dass eklatanter Rassismus in einem Land toleriert wird, entscheide ich mich dafür, dieses Land nicht zu besuchen. Ich selbst und viele andere Schwarze Reisende sind wie Zootiere behandelt worden - wir müssen es ertragen, von Fremden unaufgefordert berührt zu werden. Einmal fasste mir eine Dame in mein Haar und tätschelte mein Gesicht. Schlimmer noch, Freunde von mir wurden für Sexarbeiterinnen gehalten."

Ich selbst und viele andere Schwarze Reisende sind wie Zootiere behandelt worden – wir müssen es ertragen, von Fremden unaufgefordert berührt zu werden. Einmal fasste mir eine Dame in mein Haar und tätschelte mein Gesicht. Schlimmer noch, Freunde von mir wurden für Sexarbeiterinnen gehalten.
Martina Jones-Johnson

Okay, das ist ziemlich heftig. Erkläre uns mal genauer, warum wir eine Black Travel Alliance brauchen?

"Die Black Travel Alliance ist eine Gruppe Schwarzer Autor*innen aus der ganzen Welt. Unsere drei Säulen sind alliance, amplification, accountability. Als Reiseautor*innen, Blogger*innen, Moderator*innen, Journalist*innen, Fotograf*innen, Podcaster*innen, Influencer*innen und Vlogger*innen vereinigen wir uns, um unsere Stimme zu erheben und lauter zu werden. Unser Ziel ist es auch, unseren Mitgliedern Schulungen und geschäftliche Unterstützung zu bieten sowie Reiseziele und Reisemarken zur Verantwortung zu ziehen, was Vielfalt im Reisemarketing und Storytelling betrifft. Wir brauchen die Black Travel Alliance, weil Schwarze Personen in der Reiseindustrie unterrepräsentiert sind. Obwohl es viele hochqualifizierte und fähige Schwarze Autor*innen gibt, erhalten wir oft nicht die gleichen Möglichkeiten oder die gleiche Bezahlung wie unsere weißen Kollegen."

Warum ist es wichtig, Schwarze Gesichter in Reisekampagnen zu zeigen?

"Reisende sind vielfältig und verdienen es, Geschichten zu hören, die besser zu ihnen passen. Schwarze Amerikaner geben über 63 Milliarden pro Jahr für Reisen aus, und Schwarze Briten und Afropäer geben doppelt so viel aus. Wenn Schwarze nicht in Marketingkampagnen vertreten sind, verfestigt sich das falsche Klischee, dass Schwarze nicht reisen. Es signalisiert, dass Schwarze an diesem oder jenen Reiseziel nicht willkommen sind. Reisen sollen inklusiv sein, warum sind die Kampagnen also nicht vielfältiger?"

Also, wie sieht dann "Black allyship" in der Reisebranche aus?

"Tourismus-Organisationen und Reisemarken können Black allyship demonstrieren, in dem sie mehr Schwarze Personen anstellen, sie auf Konferenzen einladen, sie in Marketingkampagnen besetzen, sie auf Pressereisen einladen und Initiativen starten. Auf einer individuellen Ebene kann jeder von uns die Reisebranche zur Rechenschaft ziehen. Wenn beispielsweise auf Konferenzen oder Pressereisen keine Schwarzen Journalist*innen anwesend sind, dann sprich' das an und setze dich für mehr Inklusion ein. Darüber hinaus können Marken und Einzelpersonen der Black Travel Alliance als Verbündete beitreten."

Viele fragen sich, warum wir uns jetzt ausschließlich darauf konzentrieren sollten, Schwarze Menschen mehr zu inkludieren? Gerade in Europa leben viele Kulturen und Menschen mit verschiedensten Backgrounds, die auch Diskriminierung erfahren.

"Black Lives Matter bedeutet nicht, dass jedes andere Leben weniger zählt. Der Fokus auf Black Lives Matter ist notwendig, weil Schwarze Menschen von einem systematisch verankernden Rassismus betroffen sind, der zu Ungleichheiten und sozialen Ungerechtigkeiten in alarmierendem Ausmaß führt. Gabby Beckford, der Vater eines unserer Gründungsmitgliedes, sagt oft: "Wenn Schwarze gewinnen, gewinnen alle anderen. Wenn Schwarze gleichberechtigt werden, werden es alle anderen auch". Wir wissen also, dass jeder Fortschritt, der in der Schwarzen Gemeinschaft gemacht wird, alle anderen auch bemächtigt!"

Wir brauchen die Black Travel Alliance, weil Schwarze Personen in der Reiseindustrie unterrepräsentiert sind. Obwohl es viele hochqualifizierte und fähige Schwarze Autor*innen gibt, erhalten wir wir oft nicht die gleichen Möglichkeiten oder die gleiche Bezahlung wie unsere weißen Kolleg*innen.
Martina Jones-Johnson

Was habt ihr mit eurer Kampagne bisher erreicht?

"Über 60 Reiseunternehmen haben sich zu ihrer internen Vielfalt geäußert und uns ihre Diversitätsstatistiken zur Verfügung gestellt. Sie haben sich verpflichtet, Schwarze Vielfalt innerhalb ihrer Organisation und bei ihren Marketingmaßnahmen zu stärken. Einige der Unternehmensstatistiken und Verpflichtungen kann man hier einsehen. Langsam fruchten auch Gespräche und Beziehungen, die dazu beitragen können, den Mangel an Vielfalt in der Reisebranche zu beenden. Wir sind sehr dankbar und hoffnungsvoll für die Zukunft."

Zu guter Letzt: Welche Tipps würdest du Schwarzen Reisenden geben?

"Mach es einfach! Folge Schwarzen Autor*innen auf Social Media, lies ihre Blogs, um Informationen zu finden, die besser zu dir und deinen Erfahrungen als Schwarze Person passen. Hier findest du eine Liste der Gründungsmitglieder der Black Travel Alliance, sie alle sind selbst Autoren. Du kannst auch Gruppen wie Black Voyageurs, Nomadness Tribe, Travel Noire folgen oder dich ihnen anschließen, um mehr über die Erfahrung Schwarzer Reisender zu lernen."

Vielen Dank, Martina!

*Die Antworten von Martina Jones-Johnson wurden aus dem Englischen übersetzt.

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