Bergen – 11 Tipps für die kleine norwegische Stadt zwischen Meer und Gletschern

Ja, es stimmt: Bergen hat die meisten Regentage unter den europäischen Großstädten – 248 Stück. Die Reiseführerin gesteht unterm Schirm sogar: „Es sind 265!“ Davon sollte man sich aber keinesfalls abschrecken lassen. Einerseits gilt offiziell bereits ein Tag mit einer Viertelstunde Niederschlag als solcher. Andererseits gehört eine leichte, durch grauen Himmel begünstigte Schwermut ja irgendwie zur norwegischen Grundeinstellung – denkt nur an die Depri-Gemälde von Edvard Munch! Die Stadt mit gerade mal 270.000 Einwohnern hat die perfekte Flanier-Größe. Nicht so fancy wie Oslo oder Kopenhagen, aber es gibt doch eine Menge kleiner Cafés, Restaurants, Galerien und Läden, in denen man sich länger aufhalten mag, als nur für die Dauer eines kurzen Schauers. Klar, dass ich nicht zum Shopping hergekommen bin: Bergen ist das Tor zu den Fjorden und liegt hingegossen in eine Panorama-Pole-Position zwischen Meer, Gletschern und bemoosten Kleininseln. Ein City-Trip hierher sollte mindestens zwei, drei Wandertage oder Bootsausflüge in die Umgebung einschließen, oder natürlich Start oder Ziel einer Naturreise sein.

BERGEN: GUT ZU WISSEN

BERGEN: DIE BESTEN TIPPS

1

© Roland Rödermund Über Bergen schauen auf dem Fløyen

Björgvin, „Bergwiese“, hieß Bergen ursprünglich. Das passt: Sieben Berge umzingeln Norwegens zweitgrößte Stadt. Mit der Fløybanen kommt man ruckzuck auf den bekanntesten, den Fløyen. Etwa fünf Minuten gondeln und man ist auf dem Hochplateau, 399 Meter über der Stadt. Die heimeligen Stadthäuser mit den roten Dächern, der Naturhafen mit den Containerschiffen und Fähren, die grüne Landzunge des Stadtteils Nordens… wenn man sich gern à la Caspar David Friedrich von hinten vor Panorama-Aussicht fotografieren lässt, dann hier! Das ist im Gegensatz zu den meisten Aussichtspunkten aber erst der Anfang: Hier oben kann man prima durch das Naturschutzgebiet zwischen Nadelbäumen und Felsen wandern – vom einstündigen Rundweg bis zum Halbtagesmarsch zum höchsten der sieben Berge, dem Ulriken.

2

© Roland Rödermund Gehe auf Zeitreise ins alte Hanseviertel von Bergen

Bryggen sehen und schwärmen! Am historischen Kai des Binnenhafens Vågen liegen die gelben, rostroten und weißen Fassaden der Holzhäusersiedlung aus dem zwölften Jahrhundert. Die ehemaligen Hansekontoren der deutschen Siedler gehören zum Unesco-Weltkulturerbe und beherbergen heute ein paar Restaurants und Künstlerateliers. Klar, dass es im Gebälk der dreistöckigen, spitzgiebeligen und wirklich knuffigen Häuschen zig Mal brannte – aber immer wieder wurden sie in ihrer ursprünglichen Form wieder aufgebaut. Beim Spaziergang verliert man sofort jegliches Zeitgefühl – nicht nur, was die Uhrzeit, sondern auch das Jahr angeht. Man kann nämlich auch die Holztreppen und Vorbauten besteigen, einen Blick in alte Räume werfen – und fragt sich, wie man selbst einen norwegischen Winter vor 800 Jahren überlebt hätte, wenn man nachts aus Angst vor Funkenflug das Feuer ausmachen musste.

3

© Roland Rödermund Bei Røst skandinavisches Design shoppen

Bergen ist nicht gerade ein Shopping-Paradies, es sei denn, man hat es auf Norwegerpullis oder Rentierfelle angesehen hat. Das vergisst man aber sofort, wenn man in den Laden Røst gestolpert ist. Wenn man eine Doku über skandinavisches Design drehen würde, dann hier: Interieurdesign und Spielzeug aus Holz, Sweater aus Merinowolle, Ton und Porzellan, vegane und nachhaltige Beauty-Produkte, die nach Gletscherwasser duften und herbe Schokolade mit den heimischen Moltebeeren. „Wir möchten mit unserem Lifestyle-Shop einfach Einkaufserlebnisse für qualitätsbewusste Menschen schaffen, die auf norwegische und skandinavische Produkte stehen“, sagt Store-Managerin Eirin. Alles ist nach eigener Aussage handverlesen, qualitätsgeprüft und aus Naturmaterialien. Warum nicht eine Tasse mit einer Liebeserklärung auf Norwegisch als Mitbringsel oder für sich selbst? „du er det fineste komplimentet jeg noen gang har fått“ („Du bist das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe.“)

4

© Sweet Rain In der Sweet Rain Konditori Cheesecake mit Braunkäse probieren

Die Konditorei ist das love child einer französischen Patisserie und skandinavischer Heimeligkeit. Krastina Ilkova kam vor sieben Jahren mit ihrer Familie aus Bulgarien – ihre Kekse, Törtchen und Snacks führt sie selbst auf ihre eigenen Gelüste nach süßen Sachen in ihrer Schwangerschaft zurück. „Meine Idee war, dass man sich bei uns genauso entspannen kann wie in den norwegischen Wäldern“, sagt sie. Ihre Spezialität ist der Brown Cheese Cheesecake: Mit dem für Norwegen typischen – man hasst oder liebt ihn! – Braun- oder Karamellkäse (brunost).

5

© Dag Randen Im Café Norge Linguine mit Hummer genießen

Fisch ist in Norwegen natürlich an jeder Ecke zu haben, etwa in der Markthalle am Hafen. Im Café Norge, das zum Hotel Norge by Scandic gehört, wird beispielsweise Linguine mit Hummer serviert, das einen vom Stuhl haut. Das ausladende Café ist auf zwei Etagen in einer Mischung aus skandinavischer Eleganz und Jugendstil designt, auf der Zwischenebene gibt es noch eine Bar. Ein Norwegen-Urlaub läuft ja eh nach dem Gönn-dir-Prinzip: Es ist halt alles ziemlich teuer. Da kann man hier auch nach dem Motto „Jetzt ist auch egal!“ samstags zum Bubble Brunch: Spätes Frühstück und ganz viele Champagner- und Cremant-Sorten für ein ausgelassenes day drinking. Dazu gibt es einen DJ und eine junge, stylishe Bergener Crowd lässt es krachen. Tipp: Man muss keinen Champagner trinken, um hier mitzufeiern. Auch bei Kaffee und Croissant wird man nicht schräg angeguckt!

6

© Roland Rödermund Beim Tee im Opus XVI auf den Spuren von Edvard Grieg wandeln

Das Opus XVI ist ein Luxushotels und benannt nach einem Werk des Komponisten Edvard Grieg. Das Art-Déco-Hotel mit Marmorsäulen und einem ausladenden Saal umarmt einen wie eine warme Decke. Auch hier muss man nicht schlafen oder superteuer essen, wenngleich der High Tea mit Sandwiches und Petit Fours ziemlich einladend aussieht. Auf der Suche nach dem Klo bleiben wir hängen: Eine Ausstellung mit alten Zeitungsausschnitten und Fotos illustriert das Wirken des Genies aus Bergen (wenn, dann kennt man z.B. seine „Peer-Gynt-Suite“). Sein Leben reichte für drei – und schwupps hat man sich eine halbe Stunde festgelesen.

7

© Roland Rödermund Sich in der Magic Ice Bar zuprosten wie die in "Frozen"

Ja, okay, die Magic Ice Bar ist eine kleine Touri-Falle, macht aber trotzdem großen Spaß: Bei Minus 5 Grad braucht man zwar eigentlich noch keinen dicken Kunstpelz-Poncho und Handschuhe, kriegt beides aber vorm Eintritt übergezogen. Drinnen ist alles aus Eis – die Wände, die Tische, die Sitzgelegenheiten, die Skulpturen und auch die Gläser, aus denen die Drinks serviert werden. Natürlich gibt es den „Schrei“ von Edvard Munch als Eisskulptur und einen Eis-Thron, dazu dröhnen Alice Cooper und Abba aus den Boxen. Tipp: Nicht an den Eisskulpturen lecken, das machen betrunkene Touris wohl hin und wieder…

8

© Ut Stilling Naturkunde und Fjordluft schnuppern in Rosendal

Von Bergen aus ist man mit der Fähre Hardangerfjord-Express in gut zwei Stunden in Rosendal, die kleine Stadt liegt direkt am Hardangerfjord, dem größten Nationalpark Norwegens. Hier gibt es die so genannte Baronie, ein kleines Schloß und einen Steinpark. Die wären vielleicht noch keine Gründe für einen Besuch, aber die wuchtigen schneebedeckten Berge, die glasklare Luft und das Gefühl, nun wirklich nah am Fjord zu sein, sind es! Im Hightech-Besucherzentrum Folgefonn Zentrum erfährt man in bester Infotainment-Qualität und in interaktiven Ausstellungen wirklich alles über Gletscher, Wetterverhältnisse, Wale und das Sexualverhalten von Jakobsmuscheln. Die sehr aufwendig produzierten Filme über die Natur und das Klima Westnorwegens sind eine super Vorbereitung für ein paar Tage in der Einöde.

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© Roland Rödermund Sich im Eidfjord wie in einem Wes-Anderson-Film fühlen

Stell Dir vor, es sind die 1880er und es gibt keine Straßen geschweige denn LKWs und Du sollst ein Hotel auf einem Berg an einem Wasserfall bauen. Ola L. Garen nahm sich der Sache an und schuftete sich und seine Pferde halb zu Tode. Aber heute steht am Rand des Tals Måbødalen in der Kommune Eidfjord das spektakuläre Fossli-Hotel, noch immer im Besitz der Familie Garen. Durch den Art-Noveau-Stil und die Lage direkt am 145-Meter-tiefen Wasserfall Vøringsfossen fühlt man sich ein bisschen wie in „The Grand Budapest Hotel“. Verständlich, dass über die Jahre viele Schriftsteller, Künstler oder Musiker herkamen, Edvard Grieg komponierte auf einem Zimmermann-Flügel, der hier immer noch steht. Auch die Outdoor-Aktivitäten sind herrlich schrullig: Man kann eine Wanderung mit Schneeschuhen buchen und anschließend Gemüsesuppe, wenn man möchte mit Garnitur aus gerösteter Rentierzunge am Lagerfeuer genießen. PS: Von Eidfjord kommt man auch zur weltberühmten „Trolltunga“, Trollzunge, dem Felsenvorsprung. Dort muss man sich, nachdem man 4 bis 5 Stunden hingewandert ist, allerdings erstmal in eine Touristenschlange einreihen.

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© Hardanger fartøyvernsenter Auf der norwegischen Reeperbahn eine Runde drehen

Bergen ist alles andere als eine hektische Stadt. Trotzdem sind Ausflüge in die nähere Umgebung ziemlich geeignet, um noch mal so richtig abzuschalten. Wenn Ihr Euch nie für maritime Museen interessiert habt, dann wird sich das hier ändern, versprochen: Im Fartøyvernsenter in Norheimsund werden alte Wikingerboote und -schiffe in traditioneller Handwerkskunst restauriert. Das dauert Monate, manchmal Jahre! Ursprünglich als kommunales Jugendprojekt gestartet, ist das Museum – natürlich liegt es wunderschön am Hardangerfjord – heute ein zentraler Ort für die klassische Schifffahrt Norwegens. Neben einer alten Schmiede gibt es auch die Reiparbane, „Reeperbahn“. Nein, das ist nicht zwingend eine Amüsiermeile, sondern der Ort, wo traditionell Schiffstaue hergestellt werden. Und dabei zuzuschauen, wie in sich versunken Ingunn Undrum und Sarah Sjøgreen, die einzigen klassischen Seilerinnen Norwegens, ihre Seile drehen und mit Teer bestreichen, versetzt einen sofort in einen meditativen Zustand. Man kann auch selbst ein kleines Seil drehen, mein Highlight ist aber eindeutig das Beobachten der seeehr langsamen und bedächtigen Tätigkeit.

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© Roland Rödermund Am Steinsdalsfossen durch einen Wasserfall laufen

Der Steinsdalsfossen ist zwar nicht der größte Wasserfall, oder korrekt gesagt: der mit der größten Fallhöhe, aber: Er gehört trotzdem zu den beliebtesten. Man kann nämlich – ohne nass zu werden – hinter ihm entlanglaufen und sich vorstellen, das man auf der anderen Seite eine magische Welt betritt. Wenn einem hier ein Einheimischer erzählt, dass es in Norwegen Trolle gibt und man sich am besten immer mit etwas Käse im Gepäck auf Wanderungen begibt, falls sie einen überfallen, dann glaubt man es fast. Während der Schneeschmelze im Mai und Juni donnert der Steinsdalsfossen am gewaltigsten hinab. Wenn man sich für Selfies auf die glitschigen Felsen wagt, sollte man aber ganzjährig vorsichtig sein!

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