Overtourism – Wenn Urlaubsziele vor dem touristischen Kollaps stehen

© Unsplash | Mark de Jong

Barcelona, Santorini, Venedig – das alles sind wahrhaft schöne europäische Städte, die nicht nur bei Einheimischen, sondern auch bei Touristen unglaublich beliebt sind. Doch mittlerweile platzen sie aus allen Nähten. Der touristische Super-GAU scheint vorprogrammiert zu sein. Und dieses Phänomen hat auch schon einen Namen: Overtourism – der Superlativ des Tourismus sozusagen.

Während eines Barcelonabesuchs 2009 versuchte ich dem Trubel zu entkommen und schlenderte durch die kleinen Gassen, als mein Blick plötzlich auf ein Plakat fiel, das in einem Fenster hing. Darauf stand in schwarzen Großbuchstaben: Fuck off Tourists! Go home! Da ich selbst gerade erst vor den Touristenmassen geflohen war, die sich dicht an dicht über die Rambla schoben, konnte ich sofort nachvollziehen, welche Frustration hinter der Botschaft steckte. Gleichzeitig wurde mir natürlich auch bewusst, dass ich ja selbst Teil des Problems war.

Touris außer Rand und Band

Santorini_Griechenland
© Christos Marokos

Wer nach Santorini kommt, will den Sonnenuntergang gesehen haben – Und das am besten aus der ersten Reihe. Während man früh morgens vor allem Influencer (inklusive Kameramann und Assistentin, die für den richtigen Schwung beim Kleid sorgt) sieht, füllen sich die Gassen rund um die kleinen pastellfarbenen Häuschen schon am Nachmittag mit Touristen, Selfie-Sticks und unglaublichem Kamera-Equipment. Bereits einige Stunden vor dem Naturspektakel ist es gerammelt voll. Wer spät dran ist und noch was sehen will, klettert einfach auf eines der Häuserdächer. Wie bitte? Ja, richtig!

Unerlaubt machen sich Touris auf den Terrassen der Einheimischen breit, wie mir der gebürtige Grieche Christos erzählt: "Ständig muss ich Touristen bitten, von meinem Hausdach herunterzuklettern. Meinen Nachbarn geht es ähnlich". Eigentlich heißt er gerne Urlauber in seinem Haus willkommen: "Sie sind nur wenige Tage hier und wollen eine schöne Zeit haben. Da gehört der Sonnenuntergang wohl dazu, das verstehe ich gut. Aber manchmal ärgern wir uns auch sehr über dieses Verhalten." Denn dieses stau-ähnliche Szenario machen Besucher nur einmal mit, während es für Christos und seine Nachbarn Alltag ist.

Ständig muss ich Touristen bitten, von meinem Hausdach herunterzuklettern.
Christos

"Fuck off Tourists! Go home!"

Venedig ist eines der typischen Beispiele für Overtourism. Monströse Kreuzfahrtschiffe schieben sich durch den Kanal von Guidecca, um den Passagieren an Board den weltberühmten Markusplatz so nah wie möglich zu bringen. Ein absolut skurriles Schauspiel inmitten der filigranen Kulisse altehrwürdiger Gebäude.

Kulturschützer sorgen sich um das Weltkulturerbe, Umweltschützer sehen das ökologische Gleichgewicht bedroht. Eigentlich sollten die Riesenschiffe längst verboten werden, doch es fehlt an einem Alternativhafen – ein Projekt gibt es bereits, doch keine Umsetzung. Seit Jahren ist es nun ein zentrales Streitthema zwischen den Venezianern und der Regierung in Rom. Erst im Juni diesen Jahres kam es nach einem Zusammenstoß in Hafennähe, bei dem ein Kreuzfahrtschiff ein kleineres Touristenboot rammte, erneut zu lauten Protesten der Stadtbewohner.

Die Stadt ist am Limit. Der Stadtrat will deswegen ab Januar 2020 sogar Eintrittsgelder für die Stadt einführen, um den Tagestourismus einzudämmen – wie in einem Freizeitpark. Und so scheinen einige Touristen diesen Ort auch zu empfinden.

Ein Affront gegen die Einheimischen

Eine Freundin aus Lissabon erzählte mir vor Kurzem, dass eine Bekannte ihrer Großmutter, die ein kleines Häuschen mitten in der Alfama besitzt, schon häufiger unfreiwillig von Touristen fotografiert wurde. Während sie im Morgenmantel das Frühstück zubereitet, schlendern sie neugierig mit ihren riesigen Objektiven am Fenster vorbei und fotografieren die schöne Hausfassade samt Portugiesin.

Aber jeder, der vor dem ersten Kaffee am Morgen kaum ansprechbar ist, wird sicher nachvollziehen können, dass dieses respektlose Überschreiten der Privatsphäre ein Affront ist. Nicht nur der Person selbst gegenüber, sondern auch dem Land, das man besucht; die Kultur, in die man so gerne eintauchen möchte. Es ist, als würde man einen Stempel aufdrücken: Touristenziel. Dabei steckt dahinter doch eine Heimat, ein Ort, den Menschen ihr Zuhause nennen. Ist es nicht das Gefühl von Schutz, Freiheit und Geborgenheit, das wir mit diesem Zuhause verbinden wollen? Aber ist das den Menschen, die in touristischen Orten leben, unter diesen Umständen überhaupt noch möglich?

Es ist, als würde man einen Stempel aufdrücken: Touristenziel. Dabei steckt dahinter doch eine Heimat, ein Ort, den Menschen ihr Zuhause nennen.

Auch andere Städte haben schöne Sehenswürdigkeiten

Ich kann gut verstehen, dass die Schönheit, die Historie und die Lebendigkeit europäischer Städte eine starke Anziehung auf Reisende ausübt. Und auch wenn ein Besuch in Venedig oder Barcelona fast schon verpönt ist und wir dank Instagram im Übrigen auch schon wissen, wie es vor Ort aussieht, treibt uns die Neugier doch hin. Denn wir wollen das Ganze auch einmal mit eigenen Augen gesehen haben.

Ich finde eigentlich, dass dieser Entdeckergeist etwas Gutes ist. Doch vielleicht sollten wir einfach mal unbekannte Orte entdecken und andere Erfahrungen schaffen, statt den ausgetretenen Pfaden der Massen zu folgen und uns nach der Rückkehr in die Reihe derer einzugliedern, die bereits vom Dogenpalast in Venedig oder dem Eiffelturm in Paris erzählt haben. Wenn wir an Europa denken, fällt uns immer als erstes Rom, Madrid oder Paris ein. Dabei gibt es weniger frequentierte Städte, die doch mindestens genau so sehenswert sind, oder?

Eine weitere Lösung wäre es vielleicht auch, nicht in der Hauptsaison zu reisen, sondern den Urlaub in ruhigeren Monaten zu planen. Gesagt, getan! Meine nächste Reise führt mich deshalb Ende Oktober in die Toskana. Pisa und Florenz werde ich allerdings bewusst links liegen lassen, um diesmal vor allem kleinere Städte zu entdecken.

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