Ist Portugal die Oase inmitten der Pandemie? Zu Besuch auf den Campingplätzen im Süden Europas

von Patrizia Barbera

Ist pendeln schlimmer als reisen? Während sich in Deutschland Hotspots gegenseitig auf die Gäste-non-grata-Liste setzen, fliehen Dauercamper und digitale Nomaden in eine vermeintliche Oase inmitten der Pandemie. Ein Besuch in der portugiesischen Region Alentejo, zwischen Weinreben und Atlantik.

Die Luft zischt, wenn er vorbeisaust. Ist es schon wieder 17 Uhr? Zisch, klack, knatter. Die Fahrradkette schiebt sich schwer in den niedrigeren Gang. Er schaltet nur, wenn er den Campingplatz verlässt und bergauf fährt. Klack, zisch. Sonnenmüde reckt das portugiesische Ehepaar die Köpfe und schaut zu ihrem Platznachbarn auf die Landstraße. Sie lächeln ihm wohlwollend zu, bevor sie den nächsten Schluck ihres Eistees nehmen und wieder in Stille versinken. Dann ist er schon wieder auf dem Rückweg. Zisch, klack, knatter. Nächste Runde.

Zwanzigmal fährt Fernando im Kreis, die quietschgelben Gummilatschen wagemutig in die Pedale tretend. Jeden Abend um 17 Uhr. Die alteingesessenen Camper kennen das Spiel, nicken, winken oder rufen ihm ein kurzes „bom passeio“ hinterher. Würde Fernando nicht fahren, müssten sie glatt auf die Uhr schauen, um das allabendliche Highlight nicht zu verpassen. Etwas vor Sonnenuntergang und kurz nach den Fernando-Kreisen ist es endlich soweit. Es ist eine Ehre, Teil der allabendlichen Boule-Partie mit dem niederländischen Campingplatzbesitzer zu sein. Der Tag war lang, schleppte sich hier, zog sich dort dahin. Allein — oder, wer das Glück hat, zu zweit. Jetzt, wenn die Oktobersonne nicht mehr so heiß brennt und auch die Fliegen endlich Feierabend machen, kommen sie behäbig aus ihren Wohnmobilhochburgen, einer nach dem anderen.

Der Kies raschelt, die grüne Einmal-Maske liegt auf dem Rollator. Kurz vor Ankunft auf der Boule-Bahn streift sie die 73-Jährige vorsichtig erst über das eine, dann das andere Ohr. Elisa, die eben noch Ehemann Fernando bei seinem Abendsport zugeschaut hat, fährt mit ihrem Mann seit Jahren im Winter in den Süden. Eigentlich an die Algarve, doch da sind die Infektionszahlen etwas höher als hier in Alentejo, daher der Wandel. Seit über einem Monat haben sie ihre kleine Wohnung in einem Vorort von Lissabon gegen das Wohnwagenleben eingetauscht. Die Maske ist ihr ständiger Begleiter, Freund und Schutz. Kleiner Helfer für jeden, der selbstbestimmten Freiheitsräume.

Tausche Wohnung in Deutschland gegen Dauercamping-Platz in Portugal

Wie das allabendliche Boule-Spiel. Es ist eine ausgewählte kleine Gruppe alter Dauercamper, die sich auf Abstand, aber doch mit Schelm im Blick und Weinglas in der Hand trifft und Boule spielt, Abend für Abend. Manchmal versuchen sich Tagescamper anzuschließen, werden aber mit einem milden Lächeln vertröstet — leider schon genug Spieler. Morgen vielleicht. Doch morgen wird der Campertourist schon weitergefahren sein, nicht so die Dauercamper. Viele von ihnen sind nicht im Urlaub in diesem Urlaubsland; der Sonne hinterherzufahren ist ihr Leben.

Das Boule-Spiel ist eines der vielen Rituale, die das Leben auf dem Campingplatz inmitten des Nichts in Alentejo zur Oase inmitten der Pandemie machen. So hieß auch der Artikel, der viele hierher gelockt haben mag. „Alentejo: die Oase inmitten der Pandemie“ titelte im April die Presse. Nirgends in Portugal waren die Zahlen so niedrig wie in der Region zwischen Algarve und Lissabon, die Sterberate lag bei 0 %. Die Medien rätselten, woran das lag, erklärten sich die wenigen Ansteckungen mit dem weiten Land, der Distanz zwischen den kleinen bis mittelgroßen Städtchen und den verschärften Grenzkontrollen zu Spanien.

Viele von ihnen sind nicht im Urlaub in diesem Urlaubsland; der Sonne hinterherzufahren ist ihr Leben.

Diese gelten jetzt, im Oktober, nicht mehr, könnten allerdings bald wieder in Kraft treten. Nach und nach erhöht sich auch in Portugal die Zahl der Fälle und obwohl die Region immer noch die niedrigste Infektionsrate des Festlandes vorweist, gibt es dieses Mal höhere Infektionsraten und auch Sterbefälle. Und trotzdem: Alentejo, das sonst eher als verschlafen wahrgenommen wird und vor allem durch die Weinproduktion im Land bekannt ist, wurde während der Pandemie zum Sehnsuchtsort vieler Portugiesen. Und Europäer. Zwischen Weinreben und Atlantischem Ozean der Ansteckungsgefahr entwischen. Zumindest ein bisschen.

Stille, Eintönigkeit, Nichts: Alentejo ist der Sehnsuchtsort während der Pandemie

Ob es am Artikel von Anfang des Jahres liegt, am altbekannt beliebten Überwinterungsort Portugal oder am neuen, durch die Pandemie ausgelösten Camper-Boom in ganz Europa — so viele Wohnwagen, umgebaute Sprinter und auch nur Autos mit Dach- oder Wurfzelt wie dieses Jahr gab es hier selten. Während im Rest Europas der Wandel des Lebens von draußen nach drinnen beginnt und zeitgleich zu Corona die Grippe- und Erkältungssaison aufflammt, bleibt die Luft hier im Süden Portugals warm, streichelt die sonnengebräunte Haut. Das einzige Übel — wenn man sich dem Zeitungslesen verwehrt und dem täglichen Müßiggang hingibt — sind die Fliegen, die emsig um die Bewohner herumsurren und verscheucht werden wollen.

„Hier ist das Leben noch in Ordnung!“ Sie strahlt, als sie es sagt, euphorisiert von der Ankunft nach so langer Fahrt. „Ich hatte zum Glück keine Probleme und bin einfach so über die Grenzen gekommen“, resümiert Anette. Es schwingt das Verwegene mit, die unausgesprochene Frage, der sie ihre eigene Antwort gab — darf man reisen? Sollte man? Eine Woche dauerte die Fahrt von Sigmaringen nach Portugal, der Entschluss fiel ganz spontan. „Ich dachte mir: Willst du versauern im Winter in Deutschland, ganz allein in der Wohnung, während alle immer kränklicher werden, oder das Wohnmobil entstauben und los? Und zack, hier bin ich und bleib erst mal.“ Eine Frau, ein Entschluss. Sie zupft aufgekratzt ihr mit Blumen übersätes T-Shirt zurecht und schaut sich um in der neuen Heimat.

Während im Rest Europas der Wandel des Lebens von draußen nach drinnen beginnt und zeitgleich zu Corona die Grippe- und Erkältungssaison aufflammt, bleibt die Luft hier im Süden Portugals warm, streichelt die sonnengebräunte Haut.

Zwanzig Stellplätze, ein kleines Waschhaus, Rezeption, ein Pool mit grünschilfigem Wasser, hinter dem Zaun Bullen, Pferde und wilde Hasen, die sich gegenseitig um die Korkeichen jagen. So charmant auch der Campingbesitzer und das familiäre Miteinander sind — eigentlich ist der Campingplatz nicht der attraktivste, liegt er doch direkt an einer viel befahrenen Landstraße. Zu Fuß kann man von hier aus höchstens den immer gleichen Spaziergang ins rotgesteinige Umland machen. Nichts für Gäste, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Und das sind hier die meisten. Doch genau das suchen die Gäste. Stille, Eintönigkeit, Nichts. Abgesehen von den Corona-Hygieneregeln, die auf Blättern über den Campingplatz verteilt sind und die Einmal-Masken, die allabendlich gezückt werden beim Abstandsschwatz mit dem Campingnachbarn, erinnert hier nichts an die Pandemie. Fast nichts.

Es dämmert, als Bastian und Lotte ankommen. Auch sie sind Dauercamper, auch wenn sie sich selbst so nicht nennen würden, eher: Digitale Nomaden. Nicht der Artikel, sondern ein Hashtag hat sie auf das Überwinterungsland gebracht. Auf der Seitentür ihres umgebauten roten Mercedes Sprinter thronen stolz drei Symbole: Instagram, Facebook, Twitter. #VanLife #followthesun
Die Beifahrertür geht auf und ein Labrador springt heraus, jagt schnurstracks auf den kleinen Dackel des portugiesischen Ehepaars zu. Bastian hastet seinem Hund hinterher, während auch Elisa schnell zur Rettung ihres Kleinen eilt. Schnell packt Bastian die Leine, hustet dabei und Elisa bleibt wie versteinert stehen, lugt zum Nummernschild des Autos. Deutschland. Stiegen da nicht auch die Infektionszahlen rapide? Sie stolpert einen Schritt zurück und sucht tastend die Maske im Seitenfach der Eingangstür ihres Wohnmobils, während der junge Deutsche ganz freundlich und weltoffen immer näher kommt, auf Englisch anbandeln will. „Sorry about the dog, she’s usually friendly. You have a great camper! Have you been here long?“ Es entwickelt sich ein notdürftiges Gespräch im Tanz. Elisa zwei Schritte zurück, wenn der junge Gefährder zu nahe kommt, Bastian zwei Schritte vor, damit die liebe alte Portugiesin auch hört, was er sagt.

Wären wir nicht inmitten einer Pandemie, sie sähe ganz anders aus, diese Szene. Camping lebt vom Weltoffenheitsgedanken. Dem wunderbaren Gefühl, sein eigenes Reich zu haben am fremden Ort und doch offen zu sein für die oft wechselnden Nachbarn, die aus ganz Europa anreisen. Nirgends ist der Weltbürgergedanke so nah wie auf dem Campingplatz. Nirgends die Gefahr eingeschleppter Aerosole so präsent wie in genau diesem Moment. Endlich hat sie die Maske gefunden und setzt sie bedauernden Blickes auf. „Sorry about the mask, I don’t want to be impolite, but…I also don’t want to die“, versucht sie es scherzhaft. Das saß. Der Vanlifer springt einen Schritt zurück, verabschiedet sich stammelnd, den Hund fest an der Leine.

Welche Gefahr ist es wert, welche nicht? Wer darf Teil sein der selbstausgesuchten sozialen Blase, wer nicht? Elisas Blick sagt: Sicher nicht Fremde, die kommen und gehen, nur zum Meer unterwegs sind, das von hier knapp zwei Stunden entfernt ist. Denn: Portugal ist nicht nur bekannt und beliebt bei Dauercampern als Überwinterungsort mit mildem Klima, auch die Surfercommunity misst sich hier das ganze Jahr gern und ausgiebig an der Naturgewalt, Welle für Welle.

Portugal als Überwinterungsort mit mildem Klima

Die Naturgewalt, die gibt es auch im Leben von Ole und Linnea. Sie heißt Alterswehwehchen und seit Anfang des Jahres auch Ansteckungsgefahr. Es sind vor allem Worte, die das Rentnerehepaar zu ihrem Entschluss, die Wintermonate in Alentejo zu verbringen, gebracht haben. „Risikogruppe“ ist eines, „Aerosole“ ein anderes. Dazu Bilder: Ersticken im Krankenhaus, während weiß vermummte Krankenhelfer einen wie ein Seuchenopfer behandeln. Alleine sein. Noch mehr als sowieso schon, ganz am Ende. Die Grundfragen bleiben, die uns alle, egal wo auf der Welt, täglich beschäftigen. Auch hier in der vermeintlichen Oase.

Die Tagesnachrichten mögen fern sein hier im Camp im Nichts, der Horror sitzt trotzdem jedem heimlich und still im Nacken. „Wir wollen leben, unser Leben normal oder so gut wie möglich unter den Umständen weiterführen, aber es ist schwer. Was darf man, soll man tun, was ist gefährlich? Während der Rest Europas immer mehr aufpasst, sich vorbildlich auf Abstand hält und ständig die Hände desinfiziert, ist in Schweden alles gefühlt wie immer, die Supermärkte voll, die Menschen nah aneinander“, sagt Ole. Den Ansatz im eigenen Land fanden sie nicht gut, auch deshalb die Flucht ins weit entfernte Portugal.

Nirgends ist die Frage nach dem — unter den herausfordernden Umständen — richtigen Leben so präsent wie hier, wo Dauercamper, deren Leben das Sonne jagen ist, auf Touristen treffen, die reisen und zurückkehren. Reiserückkehrer werden. Oder aber: Risikogebiet-Einreisende sind. Es ist Ansichtssache, wer wen gefährdet: Menschen aus dem eigenen Land, die unvorsichtig und unnötig reisen wollten und nun zurückkehren? Nicht nur ins Ausland, auch von Hotspot Berlin nach Bayern oder zuvor umgekehrt? Oder Touristen, die aus Reisegebieten kommen, die offizielles Risikogebiet sind, wie Spanien oder Frankreich, Teile von Deutschland, und nun den Virus in andere Länder tragen — wie Norwegen, Portugal, Dänemark?

Es ist Ansichtssache, wer wen gefährdet: Menschen aus dem eigenen Land, die unvorsichtig und unnötig reisen wollten und nun zurückkehren? Oder Touristen, die aus Reisegebieten kommen, die offizielles Risikogebiet sind?

„In Situationen, in denen das Virus quasi schon überall ist, sind Reisebeschränkungen eher vernachlässigbar im Vergleich zu allen Maßnahmen, die Kontakte einschränken“, so Dirk Brockmann, Epidemiologe, Physiker und Biologe an der Humboldt-Universität Berlin, im jüngsten ARD-Corona-Spezial nach dem Krisentreffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Also: Reisen ja, unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Pendeln, Rückkehren — ein anderes Thema.

Dann kommt die Nachricht, die alle Portugiesen und auch Portugalgäste
ins Herz trifft, egal wie fern sie von Hotspots sein mögen: Cristiano
Ronaldo wurde positiv auf Covid-19 getestet. Gespenstische Stille
breitet sich auf dem Campingplatz aus. Einen Tag später verkündet
Portugal wie schon zu Beginn des Jahres erneut den „Katastrophenfall“
und kündigt verschärfte Maßnahmen an.

Ist er vorbei, der Oasen-Traum am westlichen Ende Europas? Kommt die große zweite Pandemiewelle hier nur zeitversetzt an? „Ich mache mir keine Sorgen. Geschlossene Räume und große Gruppen, beides kann ich hier in Alentejo gut meiden“, findet Ole. Und auch Anette nimmt es leicht: „Problematisch wird es ja erst, wenn man hin und her fährt oder eben zurückreist. Ich reise ja aber gar nicht. Ich ziehe der Sonne hinterher und bleibe.“

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