Reisen & Arbeiten im Camper – Meine Tipps für deinen Trip zur Rheinschlucht in der Schweiz

© Charlott Tornow

Ich stehe wie versteinert mit aufgerissenen Augen und offenem Mund vor dem Bergpanorama der Surselva, einer Tallandschaft im Schweizer Kanton Graubünden, und kann meinen Augen kaum glauben. Die letzten Tage hat es durchgehend geregnet, die ganze Schweiz stand förmlich unter Wasser. Eigentlich wollte ich die Surselva im Allgemeinen und die Rheinschlucht im Speziellen erkunden, zu Fuß und auf dem Wasser. Während draußen der Regen auf das Camperdach prasselte, saß ich gemütlich im Warmen im Bett oder am Tisch, bearbeitete meine Fotos, beantwortete Emails und lud Storys hoch – und wartete natürlich darauf, dass die Sonne sich durch die dichte Wolkendecke kämpfen würde. Jetzt ist endlich soweit und ich kann zum ersten Mal richtig erkennen, wo ich hier eigentlich gelandet bin.

Die Schweiz ist eines meiner absoluten Lieblingsziele in Europa. Ich kann schlichtweg nicht genug bekommen von der Kombination aus steil aufragenden Bergen, blauen Bergseen und unendlich grünen Wiesen – und nirgendwo ist dieser Dreiklang für mich eindrücklicher als in der Schweiz. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal mit dem Camper in der Schweiz unterwegs – eine Woche entlang der Rheinschlucht (auch Ruinaulta genannt) zwischen Ilanz und Reichenau, wo der Vorderrhein über Jahrtausende eine beeindruckende Schlucht geformt hat. Normalerweise habe ich auf meinen Reisen eine feste Homebase, ein Hotel oder eine Ferienunterkunft, jetzt bin ich zum ersten Mal mit dem Camper unterwegs und habe so quasi einen fahrenden Arbeitsplatz. Auch nicht schlecht!

Unterwegs mit dem Hymer Grand Canyon S

© Charlott Tornow

Es gibt etwas, das noch schöner ist als die Schweizer Bergwelt, und das ist mitten in diesem Panorama aufzuwachen. Mit dem Camper unterwegs zu sein ist in den letzten Jahren zu meiner liebsten Form des Reisens geworden. Ich bin zwar relativ spät in meinem Leben auf den Vanlife-Trend aufgesprungen, liebe es dafür jetzt umso mehr, zum Zirpen der Grillen einzuschlafen, mit den ersten Sonnenstrahlen aufzuwachen und dort anzuhalten, wo es mir gerade passt. Dabei konnte ich in der Region Surselva nicht nur auf den schönsten Camping- und Stellplätzen meines Lebens übernachten, schon die Anreise war ein kleines Abenteuer für sich. In den Nebentälern der Rheinschlucht schmiegen sich die engen Straßen an die steilen Berghänge und mäandern in sanfter Steigung von Ort zu Ort. Mir kommen jeden Tag zahlreiche Motorradfahrer*innen entgegen, für die diese Straßen hier der absolute Traum sein müssen. Mit dem Camper kann ich nicht ganz so schnell wie meine zweirädrigen Genoss*innen auf der Straße unterwegs sein; ich mache immer mal wieder Platz, lasse die schnelleren und wendigeren Fahrzeuge vor und genieße dafür die Aussicht von der Fahrerkabine umso mehr, denn immerhin habe ich die bessere Rundumsicht.

Fahren

Mein fahrender Untersatz ist der Grand Canyon S von Hymer, der trotz der Größe von fast 6 Metern Länge und 2,85 Meter Höhe entspannt auf der Straße liegt. Das Basis-Fahrzeug ist ein Sprinter von Mercedes-Benz mit Automatik-Getriebe und das ist ein absoluter Zugewinn in den alpinen Gebieten der Schweiz. Anstatt mich auf ständiges Schalten zu konzentrieren, beschleunigt und bremst der Camper sanft und ohne großes Ruckeln selbst auf steilen Passagen und bietet sportlichen und agilen Fahrkomfort. Das integrierte Navi kennt die Wege hier zum Teil besser als Google Maps und richtig praktisch ist auch die Rückfahrkamera, die wie von Zauberhand den Camper von oben zeigt, um sicheres und perfektes Einparken zu garantieren.

© Charlott Tornow

Wohnen

Auf meinen Trip für das Reisevergnügen durch Europa bin ich meistens allein unterwegs, diesmal habe ich eine Freundin im Gepäck. Wir verstehen uns natürlich gut, aber sieben Tage in einem Bett schlafen, muss dann doch nicht sein. Das ist aber überhaupt kein Problem, denn der Grand Canyon S von Hymer hat nicht nur im Heck des Fahrzeugs ein Bett, sondern auch ein zusätzliches Aufstelldach mit einem riesigen Maxibett über die gesamte Länge des Fahrzeugs, sodass sogar vier Personen in dem Camper schlafen könnten. Überhaupt ist der Camper für seine Größe ziemlich geräumig, denn hier haben noch ein Bad mit Dusche, WC, Waschbecken und integrierbarer Außendusche Platz gefunden sowie eine Kochnische und ein für einen Camper der Größe generöser Kühlschrank. Unter und über dem Bett im hinteren Teil des Fahrzeugs, das sich übrigens auch aufklappen lässt, gibt es jede Menge Stauraum, der riesige Frischwassertank fasst 100 Liter und sogar zwei Gasflaschen haben Platz.

© Charlott Tornow

Mit dem Camper kann man also durchaus ein paar Tage in der Wildnis unterwegs sein, denn auch die Stromversorgung ist über das Smart-Battery-System für einige Tage sichergestellt. Und sollte es mal doch regnen (wie bei uns), dreht man die Sitze der Fahrerkabine um, spielt am ausklappbaren Tisch ein paar Spiele oder macht es sich in einem Betten gemütlich und hört dem Regen beim Prasseln zu. Wir haben meistens ein paar Aufgaben abgearbeitet, denn die Internetverbindung ist selbst in den abgelegensten Tälern und auf den höchsten Bergen der Schweiz noch extrem gut, sodass man seien Arbeitsplatz auch einfach für längere Zeit in den Camper verlegen könnte. Ziemlich schöne Vorstellung!

Mit dem Camper durch Graubünden – Die besten Tipps

Hast du jetzt Lust bekommen, mit dem Camper durch die Schweiz zu reisen? Dann kommen jetzt hier meine Tipps für die Region Surselva rund um die Rheinschlucht.

Campen in der Schweiz

Die Frage, die sich beim Campen immer als erstes stellt: Ist Wildcampen erlaubt? Die Antwort für die Schweiz: Es ist kompliziert. Für die gesetzlichen Bestimmungen sind die Kantone beziehungsweise die Gemeinden verantwortlich, eine einheitliche landesweite Regelung gibt es nicht. Der Kanton Graubünden informiert auf seiner Website über die Rechtslage bezüglich Wildcampen: Verboten ist beispielsweise das Übernachten und Stehen in Wildschutzgebieten, Naturschutzgebieten, in Nationalparks oder in Biotopen. Wer nicht auf Campingplätzen stehen will, die wie überall mal mehr, mal weniger schön sind, hat aber eine entspannte und sichere Alternative in der Schweiz: die Buchungsplattform Nomady. Hier findest du Inserate von Privatpersonen, die einen oder mehrere Spots zum Übernachten auf ihren Grundstücken anbieten – und ich habe eine absolute Perle rund um die Rheinschlucht gefunden, die ich natürlich mit dir teilen will.

© Zora Neumann | © Charlott Tornow
© Charlott Tornow

Mein absolutes Highlight der ganzen Reise war wohl der Besuch des Maiensässbeizlis hoch über dem kleinen, pittoresken Dorf Brün. Das Beizli ist eine kleine, autark betriebene Gastwirtschaft, die vor allem bei Wanderern und Mountainbikern beliebt ist, die auf ihren Touren durch das Safiental hier vorbei kommen. Schon ab frühmorgens gibt es hausgemachten Kuchen, deftige Brotzeiten sowie Wurst- und Käseplatten aus lokaler Produktion. Vor dem Häuschen suhlen sich drei Schweine im Dreck, vielleicht gewahr der Aussicht, die man von hier auf die gesamte Region hat. Genau hier, mitten auf der Wiese, gibt es eine kleine Parkbucht für einen Wohnwagen. Einen Stromanschluss gibt es zwar nicht, dafür kommt das frische Wasser direkt aus dem Brunnen. Morgens illuminiert die Sonne den nahe gelegenen Bergkamm und während man die klare Luft tief aufsaugt, zwitschern in der Ferne die ersten Vögel und wecken den Rest der Welt.

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Rheinschlucht, Davos Munts
© Charlott Tornow

Während das Safiental von steilen Schluchten geprägt ist, erstreckt sich im sonnigen Val Lumnezia ein großer grüner Teppich mit sanften Erhebungen. Hier versteckt sich oberhalb von Vattiz mein zweiter Camping-Tipp: der Badesee Davos Munts, in den ich mich noch vor dem Aussteigen aus dem Camper sofort verliebe. Der als Naturbadeteich angelegte See erstreckt sich vor einer idyllischen Auenland-artigen Waldlandschaft. Ich habe wirklich das Gefühl, in jeder Sekunde Frodo oder Bilbo Beutlin zu begegnen. Direkt unterhalb der Hügel können Outdoor-Begeisterte ihre Zelte aufschlagen oder in einem der großzügigen Glamping-Zelte unterkommen. Wer mit dem Camper anreist, findet etwas unterhalb des Sees auf einer großen Wiese Platz und steht mit einem fantastischen Blick auf das Val Lumnezia. Direkt neben dem See befindet sich in einem schlichten, schönen Holzhaus ein Restaurant, in dem die Betreiber, das Ehepaar Prisca und Gioni Capaul, Aperitivo, Smoothies und moderne Gerichte servieren. Soweit ich das auf dem Campingplatz erkennen kann, sind wir die einzigen Deutschen, ansonsten mischen sich hier Schweizer Urlauber*innen und Graubündner Locals untereinander, sodass man am See liegend der Mischung aus Schweizerdeutsch und der lokalen Amtssprache Sursilvan lauschen und dabei langsam weg dösen kann.

Erkunde die Rheinschlucht zu Fuß oder auf dem Wasser

© Charlott Tornow
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Die Rheinschlucht ist das Highlight vieler Tourist*innen, die in die Surselva-Region reisen. Normalerweise schimmert das Wasser des Rheins hier surreal türkisblau, da es die letzten Tage aber geregnet hat, trägt der Fluss die Sedimente der umliegenden Gebirge mit sich und klart erst zum Ende meiner Reise langsam auf. Dem Erlebnis tut die Farbe des Wassers aber keinen Abbruch, denn das Ruinaulta ist  auch so einfach sagenhaft schön. Die Schlucht schlängelt sich von Ilanz bis nach Reichenau 13 Kilometer entlang hoch aufragender Kalksteinfelsen. Hier gibt es keinen Straßenverkehr, lediglich die Rhätische Bahn fährt entlang des Flussufers und verbindet die kleinen Dörfer Trin, Versam und Valendas. Wer die Schlucht erkunden will, muss also zunächst mit der Bahn anreisen (oder parkt das Auto an einer der Bahnstationen) und kann dann in eine Richtung wandern und mit dem Zug zurück fahren oder einen der vielen Rundwege nehmen.

Wer es sportlicher und adrenalingeladener mag, sollte unbedingt eine Kajak- oder Raftingtour buchen, bei der man die Kraft und Schönheit des Rheins und der mächtigen Felsen vom Wasser aus erleben kann. Ich hatte eine halbtägige Raftingtour bei Swiss River Adventures gebucht, am Bahnhof Versam befindet sich aber auch noch die Kanuschule Versam, in Ilanz ist die Firma Wasserchraft beheimatet. Ich empfehle auch unbedingt, einen Stop am Bahnhof in Valendas zu machen: Hier habe ich mich, auf der Holzplattform sitzend mit Blick auf die Gleise vor und einem kleinen Café hinter mir wie in einem Saloon des Wilden Westens gefühlt. Die Rheinschlucht wird ja eh als der Grand Canyon der Schweiz bezeichnet, also ist der Vergleich gar nicht so schief.

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Caumasee
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Ein weiteres wunderschönes Kleinod versteckt sich in der Nähe der Schlucht, hoch über dem Rhein. Der Caumasee ist zweifelsohne der schönste See der gesamten Region, hypnotisiert er doch mit seinem klaren, türkisblauen Wasser, das wirklich so aussieht wie auf dem Foto. Der See ist an einigen wenigen Stellen frei zugänglich, wenn du aber auf einer der vielen Wiesen und schön angelegten Sonnenplätze oder auf der kleinen Insel mitten im See liegen möchtest, musst du ein Ticket für das Freibad kaufen.

Wandere auf dem Wasserweg Trutg dil Flem

© Charlott Tornow

Zu guter Letzt geht es in eine weitere, phänomenale Naturlandschaft. Hoch über den Städten Flims und Laax erstreckt sich das UNESCO Welterbe Sardona, eine Tektonikarena, in der man nachvollziehen kann, wie sich vor Millionen von Jahren die Alpen gebildet haben, als die Kontinente Europa und Afrika aufeinander geprallt sind. In diesem spektakulären Gebirgspanorama entspringt der Fluss Flem am Fuße spitz aufragender Berge. Hier startet eine der schönsten Wanderungen, die ich je gemacht habe, nämlich der Wasserweg Trutg dil Flem, der über 12,5 Kilometer, entlang des klaren Wassers und durch märchenhafte Wälder bis ins Tal führt. Auf dem Weg nach unten passiert man dabei immer wieder eindrucksvolle Brücken, die so naturnah wie möglich gestaltet wurden, um sich perfekt in die wilde Landschaft einzugliedern. Ich empfehle dir, die Wanderung bereits an der Seilbahnstation Naraus zu beginnen und zunächst eineinhalb Stunden über den Unteren Segnesboden bis zum Beginn des Wasserwegs an der Segneshütte zu wandern. So kannst du zunächst den Ausblick auf die umliegende Alpenregion genießen, bevor es dich tiefer ins Tal und in die Wälder verschlägt.

Zurück in Flims solltest du dich im Café Ella, direkt an der Bergbahnstation, mit hausgemachten Kuchen und Speisen stärken. Wenn du danach noch deine müden Glieder entspannen willst, empfehle ich dir einen Besuch im Spa des Waldhaus Resorts. Hier kannst du mir direktem Blick auf die Natur saunieren oder im Pool planschen. Ich finde, dass man sich zum Abschluss einer Reise immer nochmal etwas gönnen sollte und gerade wenn man sieben Tage oder länger im Camper unterwegs war, kommt so ein wärmendes Spa doch ganz gelegen, oder?

© Charlott Tornow
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