"Wir werden wieder über die Welt staunen" – So wird sich das Reisen Post-Corona anfühlen

© Charlott Tornow

Von 160 km/h auf 0 abbremsen innerhalb von einer Sekunde, während sich der Airbag hart und unangenehm gegen das Gesicht drückt und einem die Sicht auf das versperrt, was noch kommt. So haben sich die letzten Wochen angefühlt. Das Komische ist, dass ich es ja eigentlich hab kommen sehen, diese Notbremsung, aber ich hab sie bis zur letzten Sekunde ignoriert, dachte, ich könne ihr vielleicht irgendwie ausweichen und mir mit positiven Gedanken ein Leben vorgestellt, das von der Corona-Krise verschont bleibt. Nun muss ich mir eingestehen, dass soziale Isolation und die Nicht-Ausübung meines Jobs ganz schön an meinem sonst eher stabilen Nervenkostüm zerren.

Ich kann mich wirklich nicht beschweren, im letzten Jahr zu wenig gereist zu sein. Ich war kreuz und quer in Europa unterwegs, bin mit dem Camper durch Bosnien und Herzegowina gefahren, habe mit einer Fähre die Ostsee überquert, stand auf einer 100 Meter hohen Wanderdüne an Frankreichs Atlantikküste und hab auf jedem Alpen-Gipfel, den ich erklommen hab, die Hände wie John Cusack in „Say Anything“ in die Höhe gereckt – allerdings nicht, um meinem Schwarm ein Lied vorzuspielen, sondern um der Welt zu zeigen, wie sehr ich sie liebe. Wenn es nach mir geht, habe ich den besten Job der Welt. Beziehungsweise: hatte. Eine ganze Riege an Reisejournalisten und -blogger hat den aktuell wohl am wenigsten systemrelevanten Job der Welt. Eine der Branchen, die am krassesten von der Corona-Krise betroffen ist, ist der Tourismus. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir als Individuen aktuell nicht mehr reisen und uns frei bewegen können, sondern dass ganze Existenzen, die vom Tourismus leben, bedroht sind: Hotels, Bahnen und Flugzeuge sind genauso leer wie die vielen Restaurants und Geschäfte, die sich rund um die Touristenhochburgen etabliert haben. Dazu kommen all die kleinen und großen Reisevermittler, Buchungsplattformen und Tourenanbieter, deren Aufträge für die nächsten Monate storniert wurden. 

Durch die Corona-Krise erholen sich die Lebensräume wieder

Der Tourismus erlebt gerade eine Nahtoderfahrung und alle versuchen, so gut es geht, zu überleben – aber auch: sich dabei zu unterstützen. Wahrscheinlich ist diese gegenseitige Anteilnahme gerade das einzig Gute, was man aus der Krise ziehen kann: Jeder weiß um die Situation des Anderen und verlinkt, verweist und erwähnt auf Social Media. Fast niemand wird von der Krise verschont und da wo vorher noch harter Wettkampf herrschte, dominiert jetzt sozialer Zusammenhalt. Social distancing könnte das Unwort des Jahres 2020 werden, aber eigentlich distanzieren wir uns nicht sozial, sondern nur körperlich. In den Köpfen und im Herzen sind wir näher beieinander als zuvor.

Aber nicht nur das ist eines der positiven Dinge, die wir aus der Krise mitnehmen werden. In den letzten Wochen und Monaten sind News von erholten Ökosystemen um die Welt gegangen: Die CO2-Emissionen in China sind um rund 25 Prozent im Vergleich zu 2019 gesunken. In Venedig sehen die Bewohner wieder Fische im klaren Wasser schwimmen. Vor noch ein paar Wochen undenkbar, als sich Gondeln, Motorboote und Kreuzfahrtschiffe um den Platz in den engen Kanälen stritten. Eigentlich wäre die Reisesaison jetzt zu Ostern erst so richtig losgegangen: Ich selbst hatte einen Recherchetrip nach Tessin geplant, im April hätte die Schokofahrt von Amsterdam stattfinden sollen. Meine Kollegin Milena wollte auch einem Bauernhof in Griechenland aushelfen. Vielleicht hätten wir die ersten warmen Frühlingstage an einem südeuropäischen Strand genossen. Oder wären mit dem abgestaubten Camper in die Berge gefahren, um Wandern zu gehen. Oder hätten einen Wochenend-Ostertrip in einer hübsche europäische Stadt gemacht. Jetzt sind all diese Orte leer – und erholen sich endlich mal, können aufatmen.

Der erste Urlaub Post-Corona wird uns zeigen, was für ein Privileg Reisen ist

Eine Kollegin fragte mich vor ein paar Tagen, was mir gerade Hoffnung gibt. Meine größte Hoffnung ist, dass wir nach dieser Krise das Reisen an sich wieder mehr wertschätzen. Denn in den letzten Jahren ist Reisen eher zu einem Teil unserer langen Bucket List geworden: ein Kurztrip übers Wochenende nach Barcelona hier, Malle für 20 Euro da und warum eigentlich nicht kurz die Friends in L.A. besuchen – gibt gerade ein Sonderangebot auf Urlaubspiraten. Reisen ist in den letzten Jahren zu einer Rabatt-Jagd verkommen, zu etwas, mit dem man sich auf Instagram schmückt, anstatt es wirklich zu genießen.

Ich glaube, dass die allererste Reise, den wir nach der Krise machen werden, nachdem wir vier oder acht Wochen unsere Wohnungen nicht verlassen durften, uns innerlich extrem bewegen wird. Wie damals, als wir das erste Mal die Welt vom Flugzeug aus sahen; oder das erste Mal allein verreist sind; als die Welt ein großes, wunderschönes Mysterium war und nicht etwas, das man über Google Maps schon vorab besichtigen kann. Der erste Urlaub Post-Corona wird uns wieder zeigen, was für ein Privileg Reisen ist und wie wertvoll es ist, die Welt erleben zu dürfen, wie schützenswert die verschiedensten Ökosysteme sind. Und hoffentlich behalten wir uns dieses Staunen über die Welt noch lange bei, anstatt sie als etwas wahrzunehmen, was nur nebenher existiert.

Die erste Reise Post-Corona wird uns wieder zeigen, wie wertvoll es ist, die Welt erleben und entdecken zu dürfen. Und hoffentlich behalten wir uns dieses Staunen über die Welt noch lange bei, anstatt sie als etwas wahrzunehmen, was nur nebenher existiert.

Meine größte Sorge ist, dass die Menschen nach Ende der Krise in einen Reisewahn verfallen ob ihrer zurück gewonnen Reisefreiheit. Aber ich hoffe, dass wir als Gesellschaft die Corona-Krise und die Diskussionen um mehr Nachhaltigkeit nicht getrennt voneinander betrachten, sondern endlich verstehen, wie wichtig es ist, "im Einklang mit der Natur zu leben", um mal ein altes Öko-Sprichwort zu bemühen. Denn letztendlich holt sich die Natur doch ihre Lebensräume immer zurück.

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