Wattwanderung auf Sylt – Warum wir das Ökosystem besser schützen müssen

© Sonja Koller

Ich muss zugeben: Besonders einladend sieht das Wattenmeer nicht aus. Wer sich aber etwas mit der Masse aus Schlick und Sand beschäftigt, merkt schnell, wie beeindruckend das Wattenmeer, das sich über die gesamte deutsche und niederländische Nordseeküste ausbreitet, wirklich ist. Das Watt schützt nicht nur die Küste vor Hochwasser und Sturmfluten, es spielt auch eine wichtige Rolle im Ökosystem der Nordsee.

Entstanden ist das Wattenmeer vor Tausenden von Jahren. Genauer: Wegen einer Gletschermelze, die vor 10.000 Jahren einsetzte und den Meeresspiegel ansteigen lies. Dieser wurde so hoch, dass Sedimente abgetragen und rund um die Nordsee teilweise Land überschwemmt wurde. Eine Kombination, die zu dem führte, was wir heute als Wattenmeer kennen. Abgesehen von der Nordsee gibt es eine solche Landschaft welt- oder europaweit in diesem Ausmaß aber nicht. Grund dafür sind Inseln wie Sylt, Föhr und Amrum, die dazu beigetragen haben, dass das Wattenmeer in seiner Größe hier entstehen konnte. Ihre Lage vor der Küste macht sie zu Wellenbrechern und die Inseln dienen als natürliche Barrieren zum offenen Meer.

Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller

Auf das Wattwandern vorbereiten

Obwohl die schlammige Landschaft nicht unbedingt als Postkartenmotiv taugt, ist ein Besuch des Wattenmeers wirklich empfehlenswert. Wattwanderungen kannst du in gleich drei Nationalparks in Deutschland machen: im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer, im Niedersächsischen und Hamburgischen Wattenmeer. Alle drei gelten übrigens als UNESCO Weltnaturerbe. Wer eine Wattwanderung machen will, sollte entweder fest sitzende Gummistiefel mitbringen oder gleich barfuß wandern. Denke außerdem daran, eine kurze Hose anzuziehen oder die Hose zumindest bis zu den Knien hochzukrempeln. Am allerwichtigsten: Geh nicht alleine wandern im Watt. Das kann ganz schön schiefgehen und sogar tödlich enden, wenn du dich alleine nicht mehr aus dem Schlick befreien kannst.

Ich habe meine Wanderung bei der Schutzstation Wattenmeer in Keitum auf Sylt gebucht. Dort startet einmal täglich um die Mittagszeit eine zweistündige Führung. Das Watt  durch das wir hier, vor der Ostküste von Sylt  wandern, ist eine Besonderheit. Es wurde künstlich gebildet, um das Land zu erweitern. Die Küstenschutzmaßnahme funktioniert zwar, es dauert aber Jahrzehnte, bis man Erfolge sieht.

"Muss man mögen"

Schneller, als sich meine nackten Füße an den kalten Sand gewöhnt haben, geht es auch schon rein ins Wattenmeer – und zwar ziemlich tief. Ein Gefühl, das zwar anfangs etwas furchteinflößend ist, weil man sehr tief einsinkt, mich aber bald an Wellness und eine Schlammpackung erinnert. „Muss man mögen“ stellt eine Mutter neben mir treffend fest, nachdem sie ihrem Sohn, der als erster der Gruppe in den Schlamm gekippt ist, aufhilft. Unser Wattführer Nils, der an der Schutzstation Wattenmeer seinen Bundesfreiwilligendienst macht, erklärt uns, warum Führungen nicht immer zur gleichen Zeitpunkt stattfinden: Ebbe und Flut dauern jeweils nicht genau sechs Stunden, sondern etwas länger, weshalb sich der Zeitraum verschiebt, in dem man ins Watt gehen kann.

Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller
Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller

Suche nach den "Small Five"

„Mama, warum stinkt es hier so?“, fragt der schlammbeschmierte Junge neben mir und Nils erklärt, dass im Wattenmeer Abertausende Bakterien arbeiten. Dabei werden unter anderem Krebse und Algen abgebaut, wodurch verschiedenste Stoffe entstehen. Unter anderem Schwefel-Wasserstoff, der nach faulen Eiern riecht. Je wärmer es ist, desto stärker wird man bei einer Wattwanderung von dem Geruch begleitet. Auf einmal freue ich mich über die niedrigen Temperaturen bei meinem Besuch auf der Insel.

Während der Wattwanderung, die sich wirklich so anstrengend anfühlt wie eine „echte“ Wanderung, sehen wir auch die „Small Five“ des Watts. Das sind Wattwurm, Wattschnecke, Herzmuschel, Nordseegarnele und Strandkrabbe. All diese Tiere gibt es hier zu Tausenden, wir brauchen also nur Sekunden, um sie jeweils zu finden. Hebt man einen Quadratmeter Schlamm aus dem Wattenmeer, dürften sich darin durchschnittlich etwa 100 Wattwürmer, 300 Herzmuscheln und 60.000 Schlickkrebse verstecken, erzählt Nils. Ein Fakt, den ich nicht nur faszinierend, sondern auch etwas gruselig finde. Begeistert davon, bei jedem Schritt so vielen kleinen Tierchen so nah zu kommen, bin ich nicht.

Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller
Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller

Am Anfang steht das Wattenmeer

Eine der kleinen Wattbewohner*innen aber hat es mir angetan. Die Wattschnecke nämlich, die nicht nur die schnellste, sondern wahrscheinlich auch die coolste Schnecke der Welt ist. Das winzige Tierchen nutzt seine Schleimspur, um sich damit unter die Wasseroberfläche zu befördern und surft, sobald die Flut anrollt. Damit kann sie eine Geschwindigkeit von sechs bis sieben km/h erreichen, was etwa so schnell ist, wie wir Menschen gehen.

Insgesamt leben etwa 10.000 Arten im Wattenmeer. Die meisten von ihnen sind sehr klein und gelten trotzdem als Lebensgrundlage vieler größerer Tiere wie Fische und Vögel. Ein Beispiel dafür ist die Nordsee-Scholle, die sich von dem ernährt, was sie hier im Watt findet – und später selbst als Futter für Seehunde, Kegelrobben oder Schweinswalen herhalten muss. Diese Tiere sind also durch die Nahrungskette von den kleinen Bewohnern des Watts abhängig. Auch Robben und zehn bis zwölf Millionen Vögel brüten hier. Damit ist das Wattenmeer der größte Rastplatz für Zugvögel in Europa.

Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller

Das Wattenmeer droht zu verschwinden

Ob das aber so bleibt, ist fraglich. Denn die Ölbohrinseln und Tanker, die in der Nordsee unterwegs sind, beschädigen Flora und Fauna des (Watten-)Meeres, auch verschmutze Abwässer aus Rhein, Ems, Weser und Elbe tun dem fragilen Ökosystem alles andere als gut. Neben dem Umweltschutz zerstört auch Überfischung der Gewässer das fragile Gleichgewicht. Dafür, dass das Wattenmeer weiterhin als Brutgebiet genutzt werden kann, kann jede*r Besucher*in einen Beitrag leisten: Sei bei einer Wattwanderung möglichst leise, um brütende Vögeln und Robbenkolonien nicht zu stören.

Das Wattenmeer werden wir so aber nicht retten. Denn das Phänomen, dass das Watt einst gebildet hat, könnte jetzt für sein Verschwinden sorgen. Die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass der Meeresspiegel steigt. Das Wasser kann durch die Deiche aber nicht weiter landeinwärts wandern und so bleibt viel zu viel davon im Watt. Eine echte Bedrohung für das Ökosystem, das bald an sich selbst ertrinken könnte.

Wattwanderung Sylt
© Sonja Koller

Wattwandern selbst ausprobieren

Wattwandern auf Sylt | an mehreren Standorten möglich, meist in Morsum, Keitum oder Hörnum | Dauer: Zwischen 1,5 und 2 Stunden | Kosten: 11 Euro | Mehr Infos 

Wattwandern von Föhr nach Amrum | Dauer: 3 Stunden | Kosten: 10 Euro | Mehr Infos

Wattwandern von Schilling nach Minsener Oog Dauer: 5 Stunden Kosten: 20 Euro für Erwachsene, 10 Euro für Kinder Mehr Infos 

DER NATUR GANZ NAH SEIN

Übernachten in der Natur
Von luxuriösen Unterkünften über versteckte Cabins und autarke Domizile direkt am Meer – wir zeigen dir 11 schöne Tiny Houses in Europa, die Nähe zur Natur versprechen.
Weiterlesen
Wasserwandern
Wasserwandern, das ist Wandern mit dem Kajak, Kanu oder Ruderboot auf dem Wasser. Wir haben es ausprobiert und sind drei Tage durch Mecklenburg-Vorpommern gepaddelt.
Weiterlesen