Zelten hat nichts mit Naturverbundenheit, sondern mit viel Geld tun

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Eigentlich prägen sich negative Erlebnisse und Emotionen ja besser ein, liest man immer wieder. Doch anscheinend trifft das auf die ganz besonders negativen dann doch nicht zu. Zelten gehört zu den Dingen, die endgültig als negatives und nicht zu wiederholendes Erlebnis in meinem Kopf abgespeichert werden sollten. Auf jeden Fall ab einem bestimmten Alter und vor allem dann, wenn die Bandscheiben schon leise ächzen und der Ostheopath dein bester Freund ist. Erst kürzlich machte ich jedoch erneut diesen Fehler und campierte in der Wildnis Mecklenburgs anlässlich des Immergut-Festivals.

Als wir mit 15 oder 16 auf die ersten Musikfestivals inklusive Camping fuhren, war das ein Zeichen für unsere Unabhängigkeit vom Elternhaus. Endlich alleine wegfahren, endlich ein Zelt als dein Dach über dem Kopf aufbauen. Als ich Teenager war, gab es noch keine Wurfzelte, oder zumindest war keines in meinem Besitz. Geschäfte für Outdoor-Produkte waren alles andere als cool und für mich als Teenager viel zu überteuert. Ich nahm vorlieb mit dem vorhandenen meiner Eltern und kämpfte mit den Zeltstangen.

Als ich mir das erste Mal schwor, nie wieder zu zelten

Irgendwann stand es, das Zelt, mehr schief als stabil. Bis die erste Nacht kam, denn es kam, wie es kommen musste: Es fing an in Strömen zu regnen. Betrunkene Menschen torkelten am Zelt vorbei, mal mehr mal weniger geschickt. Die besonders alkoholisierten schafften es, über die gespannten Zeltschnüre zu stürzen. Jene Schnüre, die eben jenes kleine dunkelblaue die DDR überdauernde Zelt aufrecht hielten.

Fluchen draußen, Fluchen im Zelt. Eine der Zeltstangen gab nach, der Wind war zu stark, der Regen unaufhörlich. Letztendlich lag ich in einem schlaffen Etwas, das mich nicht mal mehr vor den dicken fetten Regentropfen schützte. Eine kalte, nasse Nacht. An Schlaf war nicht zu denken, einzig das Gerangel mit den Zeltstangen. Morgens stieg ich gerädert aus dem Zelt und musste Vorfreude auf den nächsten großartigen musikalischen Tag vortäuschen mit dem Wissen, dass da noch zwei weitere Zeltnächte vor mir liegen sollten. Da schwor ich mir das erste Mal, dass ich nicht mehr zelten werde.

zelten campen
© Dino Reichmuth | Unsplash

Zelten wird eigentlich immer romantisiert

Zelten, das wird oftmals, ach eigentlich immer, romantisiert. In (Dokumentar-)Filmen und auf Instagram-Bildern wird suggeriert, es sei etwas Großartiges. Das Leben in Freiheit, selbstbestimmt. Der Blick wahlweise auf das Meer oder die Berge, während der Tee oder Kaffee auf dem Gaskocher blubbert. Zähne putzen mitten im Wald mithilfe eines klappbaren Bechers, während die Vögel ihr Morgenkonzert abhalten. Ja, es könnte so schön sein. Nur Outdoor wirst du zu dir finden. Und vor allem: nur mit dem richtigen Equipment.

Eine gewisse Faszination üben Outdoor-Läden ja schon aus. Das Betreten ist wie das Betreten eines Tempels, in dem du keine Ahnung hast, was vor sich geht. Die Verkäufer enttarnen dich sogleich als Ungläubige, ihre Blicke sprühen keine Funken. Nein, die wissen, mit jemandem wie dir machen sie nicht das große Geld. Wieder so eine, die alles anfassen und ausprobieren wird und maximal die Allzweckseife oder vielleicht einen Karabinerhaken kaufen wird. Während man durch so einen Laden streift, kommt das Gefühl auf, dass die Tools, die hier verkauft werden, wirklich alles super nützliche Dinge sind. Dass sie aus dir eine in der Wildnis überlebende Person machen. Am Ende könntest du sicher Grizzlybären bezwingen, wenn du nur das richtige Tool dabei hast.

Am Ende könntest du sicher Grizzlybären bezwingen, wenn du nur das richtige Tool dabei hast.

Vielleicht ist zelten heutzutage und mit dem richtigen Budget ja doch anders. Vielleicht sogar romantisch. Dachte ich. Denn vor einiger Zeit tappte ich erneut in die Falle, glaubte, ich könnte draußen, im Zelt Spaß haben. Weil mir alle Outdoor-Instagram-Fotografen in den letzten Jahren weis machten, dass man nur auf Reisen mit Zelt frei wäre. Ich hatte schlicht vergessen, wie kalt und eng und ungemütlich es in so einer Behausung werden kann. Also sagte ich zu, auf dem Immergut Festival zu campen.

Ein Zelt besaß ich natürlich nicht. Wie sich herausstellte, auch keinen Schlafsack. Den letzten hatte ich irgendwann mal großzügig an eine Obdachloseneinrichtung gespendet. Ich würde sowieso nie mehr zelten, geschweige denn also einen Schlafsack brauchen, dachte ich zu jenem Zeitpunkt.

Man muss schon im Lotto gewinnen, wenn man plant, sich im Outdoor-Shop auszustatten

Also ab in den nächsten Outdoor-Laden. Ich lernte, dass Schlafsäcke und Zelte mittlerweile die Preise eines gebrauchten Kleinwagens haben können. Sehnsüchtig streifte ich entlang der aufgehängten Schlafsäcke, weich wie Daunenbettdecken. Nachdem mich die Preise von den hochqualitativen Schlafsäcken schon abgeschreckt haben, muss ich wohl die Zeltabteilung erst recht wie in Trance verbracht haben. An die kann ich mich nämlich nicht erinnern. In meinem Kopf addierte ich die Ausgaben für diesen kurzen Trip zum Musikfestival. Es ergab sich: Man muss quasi schon im Lotto gewinnen, wenn man plant, Festivals zu besuchen oder gar auf Weltreise zu gehen.

Für das anstehende Festival gab ich also gerade so die Fahrkarte zum Gelände aus. Zelt und Schlafsack inklusive elektrisch aufblasbarer Luftmatratze – der Rücken dankte es mir – kamen von Freundinnen. Beim Aufbau unseres Miet-Zeltes stellten wir uns im Vergleich mit anderen zunächst nicht so schlecht an. Jedoch mussten wir feststellen, dass die aktuellen Zelt-Trends offenbar an uns vorüber gegangen waren. Unser Zelt war noch immer kein sich selbstaufbauendes Wurfzelt, geschweige denn eines von denen, die riesige Vorbauten hatten, die einem Vorgarten inklusive Eigenheim gleich kommen.

zelten campen
© Rebecca Hoffmann
zelten campen
© Rebecca Hoffmann
Wie du’s auch machst, im Zelt herrscht immer die falsche Klimazone, was dazu führt, dass man sich sowieso nie im Zelt aufhalten will.

Drei lange oder wohl eher kurze Nächte sollten es werden. Zelten auf Festivals ist sicher im Levelgrad schwieriger, als tatsächlich einsam in der schwedischen Wildnis zu liegen, wo der nächste Mensch, die nächste Zivilisation Stunden entfernt ist. Zelten auf Festivals bedeutet: Nachbarn zu haben. Nachbarn, die womöglich nicht den gleichen Rhythmus wie du haben. Also packt man neben warmen Wintersachen auch noch Oropax ein. Vor allem, weil man schlafen will, wenn das Festival noch in vollem Gange ist.

Die kuschelige Gemütlichkeit mit Wollpullover im Schlafsack ist spätestens dann verloren, wenn die Nase zum Eiszapfen wird. Auch ist bekanntlich nicht sonderlich viel Platz in einem Zelt und so sieht es schnell aus, als müsste Mari Kondo Überstunden einlegen. Noch dazu schleppten wir mit jedem Ein- und Austeigen trotz sorgfältigen Abklopfens allerlei Laub und Gestrüpp mit rein. Und morgens wurden wir nicht von sanftem Vogelzwitschern und den unendlichen Weiten eines Meeres geweckt, sondern von der erschlagenden Hitze, die die nächtliche Kälte knallhart verdrängte.

Wie du’s auch machst, im Zelt herrscht immer die falsche Klimazone. Und mir kann keiner erzählen, dass das selbst mit der Luxusvariante aus dem besten Outdoor-Shop anders wäre. Das führt jedoch dazu, dass man sich sowieso nie im Zelt aufhalten will. Hockend auf der Picknickdecke vorm Zelt versucht man dann, gemütlich zu frühstücken, schnell das Zelt hinter sich zu lassen und im besten Fall den ganzen Tag nicht mehr dran zu denken. Von den Hygienebedingungen ganz zu schweigen. Aber das ist ein eigenes Kapitel und gehört wohl eher in die Rubrik: "11 Gründe, Festivals nicht zu mögen". Danke Zelt, danke Outdoor-Erfahrung. Es reicht mir. Dieses Mal wirklich für immer.

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