Der Traum einer Alpenüberquerung – Mit dem Fahrrad nach Venedig

© Mela Hipp

So ganz konnte ich es nicht glauben. Sieben Tage, 465 Kilometer und 6.030 Höhenmeter nachdem ich die Wohnungstür hinter mir ins Schloss gezogen und mich auf den Sattel meines Mountainbikes gesetzt hatte, stand ich nun am Ortsschild von Venedig und konnte mit Stolz behaupten, dass ich meine erste Alpenüberquerung absolviert hatte.

Die erste Tagesetappe würde die anspruchsvollste sein, das wusste ich von Beginn an. Knapp 90 Kilometer und 1.600 Höhenmeter lagen vor mir und ich war gerade mal bei Kilometer vier, als ich mich fragte, was ich hier eigentlich mache. Hatte ich mich selbst überschätzt? War ich nicht trainiert genug? Das Treten war die reinste Qual und die Kilometeranzeige am Tacho wollte einfach nicht nach oben klettern. Rückblickend sollten die ersten zehn Kilometer am Rad die anstrengendsten der ganzen Tour sein, was vermutlich einfach damit zu tun hatte, dass ich die Strecke vom Autofahren kannte und sie normalerweise entsprechend schnell am Fenster vorbeizog. Doch für eine Strecke, für die ansonsten gerade mal zwanzig Minuten einzuplanen war, benötigte ich dank einer ordentlichen Steigung und zwei Rädern weniger unter mir satte eineinhalb Stunden.

Als ich dann aber nach vier Stunden am Brennerpass stand und die Grenze zu Italien passiert hatte, machte sich endlich die Gewissheit breit, dass ich die bevorstehenden Tage schaffen würde. Zwar kam ich an diesem ersten Tag durchgeschwitzt und k.o. an unserem ersten Etappenziel an, aber ich war glücklich und zufrieden. Und stolz, dass ich den Tag geschafft hatte.

Alpenüberquerung, Brentatal
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Alpenüberquerung, Naturpark
© Mela Hipp

Die nächsten Tage waren von kürzeren und weniger anspruchsvollen Tagestappen geprägt, so dass ich auch noch Zeit für den ein oder anderen Umweg zum Sightseeing hatte. So begann ich Tag drei mit einem Abstecher zum berühmten Pragser Wildsee, überquerte landschaftlich reizvolle Bergpässe wie die Plätzwiese in Südtirol, radelte entlang einer stillgelegten Bahntrasse nach Cortina d’Ampezzo und kam an Tag sechs genau rechtzeitig zum Aperitivo in Bassano del Grappa an.

Nur an Tag vier plagte mich gleich nach Aufbruch ein kleines Motivationstief, ich wollte nicht so recht den Rhythmus beim Treten finden und empfand die ersten Kilometer einfach nur anstrengend. Ein kurzer Zwischenstopp zum caffè in einer typisch italienischen Bar war jedoch das Geheimrezept, um zurück in meine Form zu finden und wieder Spaß an der Tour zu haben.

Ich müsste lügen, würde ich abstreiten, dass ich einen kleinen Adrenalinschub erlebte, als ich wenige Kilometer vor Venedig um die letzte Kurve bog und sich vor mir am Ende des Horizonts plötzlich die Silhouette von Venedig erhob. Ich genoss die Zufahrt über die 5 Kilometer lange Meeresbrücke und der Anblick der stets größer werdenden Kuppel des Markusdoms. Und dann plötzlich stand ich unmittelbar davor: am Ortsschild von Venedig.

Alpenüberquerung, dürrensteinhütte
© Mela Hipp

Faszination Alpenüberquerung

Um die Faszination einer Alpenüberquerung zu beschreiben, beginnt man am besten am Ende: Am Ende eines jeden Tages, wenn man müde und erschöpft in der Unterkunft ankommt und sich nach nichts weiter als einer warmen Dusche, einem reichhaltigen Essen und einem bequemen Bett sehnt. Es ist eine zufriedenstellende Müdigkeit, die sich in den Körper einschleicht und die man erst so richtig zu spüren bekommt, wenn man nach etlichen Kilometern und Höhenmetern vom Sattel steigt und auf einen anstrengenden, aber erfolgreichen Tag zurückblicken kann.

Und dann ist da noch die Ankunft am letzten Tag. Die letzten Kilometer, die man mit immer müder werdenden Beinen zurücklegt, während zugleich die Vorfreude und die innerliche Genugtuung immer größer werden. Und plötzlich ist man angekommen, muss erst realisieren, dass die Alpenüberquerung nun zu Ende ist und man sich – wie in meinem Fall – nun erstmal ein paar Tage Erholung und Nichtstun an der Adria verdient hat.

Um die Faszination einer Alpenüberquerung zu beschreiben, beginnt man am besten am Ende: Am Ende eines jeden Tages, wenn man müde und erschöpft in der Unterkunft ankommt und sich nach nichts weiter als einer warmen Dusche, einem reichhaltigen Essen und einem bequemen Bett sehnt.

So wirklich glauben konnte ich meine Leistung übrigens erst, als ich im Auto auf dem Weg zurück nach Hause saß und ich an meinem Fenster Kilometer für Kilometer die Landschaft vorbeiziehen sah, die ich die Tage zuvor mit dem Rad durchquert hatte. 465 Kilometer aus eigener Kraft. Von der eigenen Wohnungstüre bis nach Venedig. So ganz realisiert habe ich das wohl bis heute noch nicht...

Alpenüberquerung, Pragser Wildsee
© Mela Hipp

Planung, Route & Co.

Für viele ist eine Alpenüberquerung – egal ob zu Fuß oder mit dem Mountainbike – ein langgehegter Traum. Doch es muss nicht beim Traum bleiben. Denn je nach körperlicher Fitness und eigenem Anspruch finden sich sowohl für Wander- als auch Radtouren unterschiedlichst anspruchsvolle Varianten. Von gemütlich und bequem, mit Hotelübernachtung und Gepäcktransport bis hin zu sportlich ambitioniert, mit Übernachtung in einfachen Matratzenlagern auf Hütten. 

Um sich selbst nicht zu überschätzen und eine geeignete Route zu finden, sollte man sich am besten in ausgewählten Büchern oder Blogs informieren, sich überlegen, welche (Tages-)Touren man bislang gemeistert hat und zumindest seit Beginn der Saison bereits ein paar Touren an aufeinanderfolgenden Tagen gemeistert haben, so dass die Füße oder der Hintern an die Belastung gewöhnt sind.

Vor meiner Alpenüberquerung habe ich mich von einem Buch mit verschiedenen Routenempfehlungen inspirieren lassen und plante die einzelnen Tagesetappen dann mithilfe der Outdoor-App komoot. Die Planung mit App ermöglichte mir, ganz genau zu sehen, wie viele Kilometer und Höhenmeter mich pro Tag erwarteten, wo ich noch landschaftliche Highlights integrieren konnte und in welchem Ort ich das Etappenziel und somit ein Hotel suchen wollte. 

Alpenüberquerung, Passano del Grappa
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Die Route im Detail

alpenüberquerung
© Mela Hipp
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