Kunst in Kassel – 11 Highlights auf der documenta fifteen

© Insa Grüning

Seit dem 18. Juni 2022 läuft in Kassel die documenta fifteen. 100 Tage lang – bis zum 25. September 2022 – können Besucher*innen wieder Werke internationaler Künstler*innen an verschiedenen Orten über die ganze Stadt verteilt anschauen. Thematisch soll(t)en in diesem Jahr Aspekte wie gesellschaftliches Engagement, Teilhabe und die Kraft der Gemeinschaft im Fokus stehen. Doch es kam anders, denn ein lupenreiner Skandal überschattete gleich zu Beginn der Ausstellung die Feuilletons der Republik. Das indonesische Kollektiv ruangrupa, das in diesem Jahr die künstlerische Leitung der documenta inne hat, muss sich schweren Vorwürfen stellen, nachdem ein Werk des Kollektivs Taring Padi seiner antisemitischen Bildsprache überführt worden war.

Über allem steht die Idee der kollektiven Gemeinschaft

Das umstrittene Werk ist zwar inzwischen abgebaut, doch eigentlich hätte das alles gar nicht passieren dürfen, vom Umgang mit der Verantwortung mal ganz zu schweigen. Ich war trotzdem vor Ort in Kassel und habe mir eine Auswahl der Arbeiten der eingeladenen Kollektive und von Einzelkünstler*innen angesehen, die aktuell in Kassel leben und ihre Projekte hier dem Publikum zeigen. Um dir einen besseren Überblick zu verschaffen über das, was dich auf der documenta erwartet, erkläre ich zunächst ein paar grundsätzliche Begriffe. Anschließend stelle ich dir 11 Highlights der diesjährigen documenta fifteen für deine Bucket List vor. Kleiner Spoiler: Es gibt natürlich noch unendlich viel mehr zu sehen.

Das solltest du über die documenta fifteen wissen

Unsere documenta-Highlights

1. ruruHaus

© Insa Grüning

Deine erste Anlaufstelle in Kassel sollte das bunte bemalte ruruHaus sein, es ist Dreh- und Angelpunkt der diesjährigen documenta und befindet sich am zentral gelegenen Friedrichsplatz in der Stadtmitte, am Eingang zur bekannten Treppenstraße. Das ruruHaus ist Teil der kuratorischen Praxis von ruangrupa, sozusagen das Wohnzimmer allen Geschehens. Hier bekommst du eine erste Einführung in die Arbeitsweisen des Kollektivs, findest Räume und Rückzugsorte, die sich ideal für den Ideenaustausch eignen und kannst dich zudem mit Literatur eindecken. Du bekommst hier außerdem deine Tickets (Tages-, Abend- und Dauertickets), wichtiges Begleitmaterial an den Info-Points, kannst Führungen buchen – und ein kleines Café mit Snacks und kühlen Getränken ist selbstverständlich auch vor Ort.

ruruHaus | Obere Königsstraße 43, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info & Tickets

2. Dan Perjovschi

Fridericianum Kassel, documenta
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Wer schon einmal in Kassel oder vielleicht auf einer vorherigen documenta zu Besuch war, der*die wird das Fridericianum kennen. Der klassizistische Bau von Simon Louis du Ry aus dem 18. Jahrhundert beherbergt ein Museum und ist auch 2022 ein wichtiger Ausstellungsort der documenta. Über mehrere Etagen bespielen verschiedene Kollektive und Protagonist*innen die Räumlichkeiten. Aber auch die Architektur selbst wird diesmal zum Kunstwerk. Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat die Säulen der Eingangsfassade mit schwarzer Farbe bemalt und sie mit Symbolen, Zeichen und Worten beschriftet, die sich – wie in einer Zeitung – als Kommentar auf aktuelle Ereignisse lesen lassen. Angelehnt an das lumbung-Konzept kann man jede Säule einem bestimmten Wert zuordnen: Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Regeneration und Humor sind dort etwa zu lesen.

Dan Perjovschi | Fridericianum | Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

3. Richard Bell

Richard Bell
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Richard Bell | Fridericianum | Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

4. The Black Archives

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Einen großen Schwerpunkt im Fridericianum bilden Archive, die sich (wie der Name es schon verrät) vor allem mit der Praxis des Archivierens beschäftigen. Spannend ist hierbei vor allem, wenn sich diese Praxis mit der Geschichte des Protests oder generell mit dem Thema Gemeinschaft verbindet. The Black Archives stellt einen Teil seiner historischen Sammlung an Büchern, Artefakten, Dokumenten und Filmen im Fridericianum aus. Du solltest dir für die Geschichte der Schwarzen Emanzipationsbewegung in der niederländischen Gesellschaft etwas Zeit nehmen, denn "die Weitergabe von Geschichten und die Teilnahme am politischen Diskurs sind ein wichtiger Teil der Praxis von von The Black Archives". Das Gleiche gilt auch für das Asia Art Archive und das Archives des luttes des femmes en Algérie, die du ebenfalls hier findest.

The Black Archives | Fridericianum | Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

5. Alice Yard

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Alice Yard ist ein zeitgenössisches Kunstkollektiv in der Karibik, das es seit 2006 gibt, Ausstellungen, Performances, Gespräche und andere Events organisiert und sich zu einem wichtigen Ort für Kunst in der Karibik entwickelt hat. Alice Yard bietet während der documenta für neun Künstler*innen Residenzen an, die den Sommer über in der Off-Location WH22 in Kassel leben und arbeiten. Dazu zählen Shannon Alonzo, Bruce Cayonne, Blue Curry (dessen Arbeit du oben im Foto siehst), Nicole Delgado, Michelle Eistrup, Versia Harris, Amanda Hernandez, Ada M. Patterson und Luis Vasquez La Roche. Ihre vor Ort entwickelten und entstandenen Arbeiten werden an verschiedenen Orten in Kassel ausgestellt, neben dem WH22 auch in der Grimmwelt und im Trafohaus.

Alice Yard | WH22 | Werner-Hilpert-Straße 22, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

6. Party Office

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Ebenfalls im WH22 – übrigens eine tolle Location mit entspanntem Biergarten und viel Grün – zeigt das indische Kollektiv Party Office seine räumlich-gesellschaftliche Untersuchung "Queer Time: Kinships & Architectures". Du kannst in den von Vidisha-Fadescha kuratierten, dunklen Kellerräumen eine Tanzfläche, einen Swinger-Club aka einen Dark Room, einen Leseraum und weitere Ruheorte erkunden, die mit verschiedenen Arbeiten in Video-, Text- und Klangform bespielt werden. Hinter allem, was du hier siehst, steckt ein bestimmtes Verständnis von Party, die als Ort der Befreiung verstanden und inszeniert wird. Können Raves, radikaler Genuss und körperliches Begehren auch als Strategien der Widerstandsfähigkeit verstanden werden? Die Antwort liegt wohl in jeder*m von uns selbst begründet. Vielleicht findest du es hier heraus!

Party Office | WH22 | Werner-Hilpert-Straße 22, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

7. Nest Collective

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Auf der Karlswiese unweit der prächtigen Orangerie findest du eine große Müllhalde inmitten der Natur. Es ist spannend zu beobachten, wie verstört und desillusioniert die Parkbesucher*innen vor dieser grotesk anmutenden Installation aus Abfällen und Müll stehen bleiben und versuchen zu begreifen, was es denn damit wohl auf sich haben könnte. Die Antwort bekommst du, wenn du den aus Müllcontainern gebauten Innenraum betrittst. Dort zeigt das ostafrikanische Nest Collective einen Film, der sich mit dem Thema Müll sowie den damit verbundenen Ausbeutungsverhältnissen beschäftigt. Denn es ist der Globale Norden, der seinen giftigen Elektroschrott, aber auch ausrangierte Secondhand-Kleidung in die weniger industrialisierten Länder abschiebt und damit für erhebliche Umweltauswirkungen vor Ort sorgt. Die Arbeit "Return to Sender" ist ein Must See auf der documenta fifteen.

The Nest Collective | Karlswiese | An der Karlsaue, 34121 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

8. Luftbad

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An vielen Orten im Kasseler Stadtraum begegnest du während der documenta den Themenwelten Reflektieren, Rasten und Besinnung. Einer dieser "reflecting points" ist das sogenannte Luftbad am Hiroshima-Ufer an der Karlsaue, das sich zwischen der Orangerie und der Drahtbrücke befindet. Initiiert wurde das Projekt von der BDA Gruppe Kassel. Das Luftbad soll während der Ausstellungszeit als öffentlicher Ort der Begegnung und der Erholung fungieren. Über einen hölzernen Steg, an dem sich aus Weiden geflochtene Kabinen zum Umziehen befinden, gelangst du an einen Sandstrand mit Sitzgelegenheiten direkt am Ufer der Fulda, der zum (Sonnen-)Baden einlädt. Der perfekte Ort, um auf deinem Streifzug durch Kassel eine Pause einzulegen und die Füße abzukühlen.

Luftbad | Hiroshima-Ufer, Auedamm, 34121 Kassel | Mehr Info

9. Britto Arts Trust

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Das Kollektiv Britto Arts Trust aus Bangladesch/Dhaka zeigt gleich mehrere Beiträge in der documenta Halle. Du findest hier eine weit verzeigte Landschaft – bestehend aus Basar, Garten und Küche –, in der es insbesondere um Lebensmittel und Ernährungspolitik, aber auch um Gemeinschaften geht, die durch eine immer weiter voranschreitende Industrialisierung bedroht sind. Ein ganz besonderes Projekt ist der begehbare Palan im Garten – ein bengalischer Gemüsegarten, der den Pak Ghor, also die Wohnküche der Familie, speist. In Kassel serviert Britto leckere Pak-Ghor-Gerichte und will so Menschen mit Migrationshintergrund zusammenbringen, um Mahlzeiten zuzubereiten und neue Gedanken über die Verwertung von Lebensmitteln anzuregen. Präsentiert werden 100 Esskulturen von 100 Nationen an 100 Tagen. Cool!

Britto Arts Trust | documenta Halle | Du-Ry-Straße 1, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

10. Wajukuu Art Project

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Der Kraft der Gemeinschaft hat sich auch das Community-basierte Wajukuu Art Project aus dem Mukuru-Slum in Nairobi verschrieben, wo die Alltagsrealität hauptsächlich von Armut, Kriminalität und Drogenhandel bestimmt wird. 2004 hat eine Gruppe von Künstler*innen das Projekt initiiert, um einen Ort zu erschaffen, an dem Kinder sich frei entfalten können und wo es die Hoffnung gibt, mit Kunst das eigene Leben zu verbessern. Wajukuus architektonische Installation in der documenta Halle simuliert einen Tunnel und ist von der informellen Ästhetik der Slums inspiriert. Wenn du als Besucher*in den dunklen Tunnel betrittst, triffst du im Ausstellungsraum auf unterschiedliche mediale Arbeiten des Kollektivs, kannst dir Skulpturen und Objekte anschauen, die von der Widerstandsfähigkeit und der menschlichen Fähigkeit, Leid in Schönheit zu verwandeln, erzählen.

Wajukuu Art Project | documenta Halle | Du-Ry-Straße 1, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

11. Baan Noorg Collaborative Arts and Culture

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Die Non-Profit-Künstler*innen-Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture aus der thailändischen Provinz Ratchaburi beschäftigt sich vor allem mit der Milchwirtschaft und nimmt in diesem Kontext Bezug auf uralte Mythen, um so Gemeinschaften neu zu denken. Dafür haben die Initiator*innen ein dreiteiliges Projekt entwickelt, das du dir ebenfalls in der documenta Halle anschauen und miterleben kannst. Dazu gehören ein Austausch-Programm für Kleinbäuer*innen, ein Schattentheater und ein Skateboardpark, der der Kasseler Skate-Szene zur Verfügung steht. Ziel ist es, den Wissensaustausch und interkulturelle Praktiken zwischen verschiedenen Gemeinschaften in Kassel sowie in Nongpho voranzutreiben.

Baan Noorg Collaborative Arts and Culture | documenta Halle | Du-Ry-Straße 1, 34117 Kassel | Montag bis Sonntag: 10–20 Uhr | Mehr Info

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