Stadt, Land, Zug – So reist du nachhaltig mit Interrail durch Europa

von Nina Vogl

Wir schreiben das Jahr 1972 und zum ersten Mal machen sich Zehntausende junger Menschen auf den Weg, um Europa per Zug zu entdecken. Fast 50 Jahre sind seitdem vergangen und Interrail-Reisen sind so beliebt wie nie. Zugstolz statt Flugscham ist die Devise und schon längst sind es nicht mehr nur 19-Jährige, die nach der Schule das große Reise-Abenteuer suchen. Interrail ist für alle! Die Tickets ermöglichen euch spontane Kurztrips genau so wie eine dreimonatige Entdeckungstour durch bis zu 33 Länder. Und das alles mit einem ziemlich kleinen CO2-Fußabdruck, denn es gibt wohl kaum ein modernes Transportmittel, das dich umweltfreundlicher von A nach B bringt als den Zug.

Dass wir große Zugfans sind und es viele gute Gründe für eine Interrail-Reise gibt, haben wir schon das ein oder andere Mal erwähnt. Aktuell bester Grund: Noch bis zum 3. Januar bekommst du beim Kauf eines Interrail-Passes zehn Prozent Ermäßigung! Wir haben es selbst probiert und sind mit dem neuen Interrail Mobile Pass auf Tour gegangen. Das Ziel: Möglichst nachhaltig unterwegs sein und Orte entdecken, die bisher nicht ganz oben auf der Bucketlist standen. Denn immerhin warten im kompletten Interrail-Netz über 40.000 kleine und große Bahnhöfe. Wir haben uns vier herausgepickt.

Interrail Europa, nachhaltig reisen

1. Halt: Ökologische Pionierarbeit in Freiburg

Auch wenn der Interrail-Pass nicht für Fahrten im eigenen Land gilt, entscheiden wir uns für Freiburg als ersten Stopp. Immerhin gilt Freiburg als Pionier-Stadt in Sachen Nachhaltigkeit. Der Bahnhof empfängt uns im Nieselregen. Ungewöhnlich für eine Stadt, die zu den sonnigsten Deutschlands zählt. Trotzdem erhaschen wir einen tollen Blick auf die umliegenden Berge und den Schwarzwald. Mit der Tram tingeln wir durch die Altstadt in Richtung Süden. Unser Ziel: der vielleicht nachhaltigste Stadtteil Deutschlands. Vauban entstand Ende der 1990er und ist seitdem ein Vorreiter für umweltbewusstes Bauen und Leben. Bei einem Spaziergang durchs Viertel bestaunen wir die vielen Grünflächen, knipsen Tausende Fotos von den verschiedenen Niedrigenergie-Häusern und kaufen ein paar Kleinigkeiten im genossenschaftlich organisierten Quartiersladen. Autos kommen uns dabei so gut wie keine in die Quere, denn auf 100 Einwohner*innen kommen gerade mal 17 Autos, die noch dazu nicht direkt im Viertel parken dürfen.

Die Nacht verbringen wir im Green City Hotel, das einen durch und durch nachhaltigen Ansatz verfolgt, sowohl in Sachen Umweltbewusstsein als auch sozialem Engagement. Die Holzfassade ist begrünt, 90 Prozent der Lebensmittel stammen aus der Region und im Hotel arbeiten Menschen mit und ohne Handicap gleichberechtigt zusammen. Für die Dauer des Aufenthalts können wir außerdem kostenlos Tram fahren. Dank des gut ausgebauten Netzes ist das der perfekte Weg, um Freiburg zu entdecken. Die Zeit ist zwar knapp, aber ein Spaziergang durch die kleinen Gassen der Altstadt, entlang der vielen Bächle und über den Freiburger Münstermarkt sollte immer drin sein. Hier kannst du Obst und Gemüse aus der direkten Umgebung einkaufen, die typische Freiburger Bratwurst – die Lange Rote – probieren und euch bei Stefans Käsekuchen den wohl besten Kuchen weit und breit gönnen. Wer mehr Zeit hat, isst in der trubeligen Markthalle zu Mittag, macht einen Ausflug auf den Freiburger Hausberg „Schauinsland“ oder schaut beim Weingut Andreas Dilger vorbei, der direkt in Freiburg ganz besonderen Bio-Wein anbaut.

2. Halt: Ruhe und Bio-Menü im Schloss Wartegg am Bodensee

Wir sind ein bisschen traurig, dass wir nicht mehr Zeit mitgebracht haben, denn Freiburg hat viel zu bieten. Kein Wunder, dass der Lonely Planet die Stadt gerade auf Platz drei der Top-Destinationen weltweit gerankt hat! Doch wenn man es genau nimmt, geht unsere Interrail-Reise hier erst richtig los, denn endlich wartet die erste Fahrt ins europäische Ausland und damit die Aktivierung unseres mobilen Interrail-Passes. Ab jetzt reisen wir super flexibel, denn wir haben die Variante gewählt, mit der wir an sieben Tagen innerhalb eines Monats unterwegs sein können. Dank der mobilen Version könnt ihr euch ganz einfach Verbindungen heraussuchen und eure Route auch kurz vor knapp noch ändern oder anpassen. Für uns geht es über Basel, Zürich und St. Gallen in das kleine Schweizer Örtchen Staad direkt am Bodensee. Im Halbdunkel tapsen wir einige Minuten den Berg hinauf zu unserer nächsten Unterkunft, dem Schloss Wartegg, das hier seit 1557 oberhalb des Sees thront und auf eine bewegte Geschichte zurückblicken kann.

Das Bio-Schlosshotel empfängt uns zwar im Dunkeln, aber eins ist gleich klar: Hier können wir Ruhe finden und einfach genießen, denn im Hotel wird vor allem der kulinarische Genuss groß geschrieben. Das Vier-Gang-Abendmenü ist abwechslungsreich und alle Zutaten in Bio-Qualität. Einiges wie Kräuter, Salat oder Honig kommt sogar direkt aus dem schlosseigenen Garten! Danach fällt man glücklich in die weichen Betten, nur um am nächsten Morgen mit einem Wahnsinnsblick über den Bodensee aufzuwachen. Nach dem reichhaltigen Frühstück wird es Zeit, das Schloss im Tageslicht zu begutachten und sich beim Spaziergang durch den riesigen Schlosspark höchst aristokratisch zu fühlen. Weil der Bodensee lockt, leihen wir uns ein E-Bike, um die Umgebung zu erkunden. Profi-Tipp im Herbst: Lieber den Berg hinauf radeln, um den Blick über Felder, bunte Bäume und den See zu genießen. Für die Erholung danach solltest du dir das Türkisfarbene Bad samt Sauna im Schloss reservieren. In dem gut erhaltenen Bad aus den 1920er Jahren kannst du ins warme Wasser gleiten und dich ein bisschen wie Prinz oder Prinzessin fühlen.

3. Halt: CO2-neutral Urlaub machen im Biohotel Grafenast in Tirol

Dass Interrail nicht immer Städte-Hopping bedeuten muss, beweist auch der nächste Halt auf unserer Route. Mit Regionalzügen geht es weiter nach Bregenz in Österreich, wo der komfortable Railjet schon auf uns wartet, um uns nach Jenbach in Tirol zu bringen. In der Schweiz waren wir übrigens froh, dass die Rail Planner App auch offline funktioniert, denn außerhalb der EU möchte man das Daten-Roaming dann doch lieber ausschalten. Von Jenbach gibt es zwar die Möglichkeit, das Biohotel Grafenast per Bahn und Bus zu erreichen, doch das Hotel bietet auch einen Abhol-Service mit dem Elektro-Auto an! Und so schlängelt sich der Wagen fast lautlos bis auf über 1300 Meter hinauf und bringt uns an einen ganz besonderen Ort.

Das Biohotel Grafenast ist Tirols erstes CO2-neutrales Hotel und ihr findet es – genau wie das Green City Hotel und das Schloss Wartegg – bei Green Pearls, wo ihr noch viele weitere grüne und nachhaltige Unterkünfte entdecken könnt. Aber zurück nach Tirol: Wie wird man ein CO2-neutrales Hotel? Die Betreiber schauen sich den CO2-Fußabdruck des Hotels und der Gäste ganz genau an. Jedes Gramm CO2, das trotz der Nutzung von Solarenergie, eigenem Heizkraftwerk, regionaler Bio-Produkte, Gemüsegarten und Co. zu viel produziert wird, gleichen sie mit der Unterstützung verschiedener Projekte – wie zum Beispiel Aufforstung – wieder aus. Dabei ist das Thema Nachhaltigkeit nicht einem Trend geschuldet, denn das Biohotel Grafenast blickt auf eine lange Tradition zurück. Als Einkehr gibt es den Familienbetrieb schon seit 1907, den Bio-Gedanken verfolgt die Betreiberfamilie Unterlechner schon seit Ende der 80er-Jahre.

Jede Generation hat ihre eigenen Ideen in das Hotel eingebracht und so ist das ganze Haus ein kleines Museum. Überall gibt es Bilder und Erinnerungsstücke, die dem Hotel seinen eigenen Flair verleihen. Wir lieben zum Beispiel die Sammlung alter Skier und freuen uns über den urigen Oldschool-Stil der Gäste-Zimmer. Moderner wird’s im Tiny House des Hotels sowie im großzügigen Spa-Bereich, dessen Highlight definitiv die Wald-Sauna ist – ein zylinderförmiger Holzbau mit Sauna und rundem Ruheraum, der vor allem im Winter einen wunderbaren Blick auf den verschneiten Wald preisgibt. Für Freunde des Bergsports ist das Hotel der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen, Mountainbike-Touren (du kannst sogar kostenlos E-Bikes leihen), Schneeschuhwanderungen und Skispaß! Ein Tag am Pillberg endet mit einem biologisch-regionalen Abendmenü samt österreichischer Weinauswahl, die uns angenehm schwer ins überraschend bequeme Dinkelkissen gleiten lässt.

4. Halt: Nachhaltige Food-Tour durch Berlin

Der Abschied vom Biohotel Grafenast ist kein leichter und wir sind kurz davor alle weiteren Reisepläne über Bord zu werfen und erst wieder in einer Woche in den Zug zu steigen. Möglich wäre es, doch nach so viel Frischer Landluft, lockt die Großstadt. Kaum zu glauben, aber von Jenbach ist man in eineinhalb Stunden in München und dann auf direktem Weg nach Berlin!

Berlin ist die vegane Hauptstadt Europas, denn nirgendwo sonst gibt es so viele Restaurants, Cafés und Produzent*innen, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert haben.⁠⁠ Wir machen zusammen mit Dove von Ford & Walk eine tolle Food-Tour durch die Stadt und beginnen den Tag mit einem umfangreichen Lunch bei Beba, das sich im Martin-Gropius-Bau, welcher immer eine gute Adresse für spannende Ausstellungen ist. Im Beba wachsen in vertikalen Gärten Kräuter und Salate, die direkt für die jüdisch inspirierten Gerichte verwendet werden. Wenn du sonntags in Berlin bist, solltest du unbedingt einen Tisch reservieren, um hier den besten Brunch des Stadt zu genießen.

Danach geht  geht es weiter in die Markthalle Neun, wo du vor allem Produkte aus der Region direkt von den Erzeuger*innen kaufen kannst. Wir schauen mit Johannes Heidenpeter in den Keller der Markthalle, wo der Unternehmer Biere für seine Marke Heidenpeters braut, die er an einem Stand oben in der Markthalle verkauft. Etwas angeschwipst fahren wir zu Pars Pralinen, wo Kristiane Kegelmann und ihr Team unsere Augen zum Leuchten bringen. Die handgemachten Pralinen sehen aus wie kleine Schmuckstücke und sind gefüllt mit saisonalen Zutaten wie Rote Bete. Den Abend lassen wir dann  im Zero-Waste-Restaurant Frea ausklingen, das nicht nur ausschließlich vergaben Speisen anbietet, sondern auch zusätzlich keinen Müll produziert. Alle Gerichte sind selbstgemachte, die Zutaten kommen  direkt von den Produzent*inne aus der Region und Essensreste werden zu einem Bodenersatzstoff verarbeitet, der zurück an die Lieferant*innen geht. Ziemlich beeindruckend! Die Nacht verbringen wir im nachhaltigen Almodovar Hotel, wo wir den nächsten Morgen mit einem unglaublich guten, ausschließlich veganen Frühstück zelebrieren.

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