Nach Flugscham kommt Zugstolz – Bahnfahren wird endlich wieder sexy

© Jonathan Borba | Unsplash

Wenn "Flugscham" das Unwort des Jahres 2019 war, so könnte "Zugstolz" der Hashtag des Jahres 2020 werden. Den Begriff ist schnell erklärt: Es geht natürlich darum, stolz auf die Wahl des Reisegefährts, namentlich den Zug, zu sein. Auch wenn das Jahr 2019 mit seinen vielen Diskussionen um den Klimawandel, seine Ursachen und Folgen nicht bei Allen ein Umdenken angeregt hat, so haben sich doch viele von uns stärker mit ihrem eigenen Handeln und den Konsequenzen der Ressourcen-Verschwendung auseinandergesetzt: Wie viel Plastik verbrauche ich eigentlich? Kann ich Gemüse und Obst auch regional und saisonal kaufen? Und kann ich eigentlich auch mal auf den Kurztrip mit dem Flugzeug nach Mallorca verzichten?

Ich finde es noch immer erstaunlich, wie das Fliegen in den letzten 20 Jahren zu einem Grundwert vor allem für meine Generation – die heute 30-Jährigen – geworden ist. Noch in den 1990er Jahren war es für mich undenkbar, so einfach und günstig die Welt zu erkunden. Schon damals, als kleines Mädchen, saß ich mit großen Augen vor dem Fernseher und wollte alle Orte besuchen, die in Naturdokus gezeigt wurden. Aber Reisen war für meine Familie ein absoluter Luxus. Normalerweise ging es mit dem Auto 16 Stunden Richtung Portugal oder Italien. Meistens aber drei Stunden an die Ostsee.

Das einzige Mal, das ich mit meiner Familie in den Urlaub geflogen bin, war irgendwann Ende der 90er Jahre, als die Aschenbecher in den Flugzeugen noch benutzt werden durften und meine Eltern am hinteren Ende des Flugzeugs hinter Vorhängen standen und die Zeit bis zur Landung mit Rauchen totschlugen. Selbst als ich meinen Exfreund 2010 mehrere Male in Barcelona besuchte, wo er sein Auslandssemester verbrachte, ging es meinem kompletten Ersparten an den Kragen. Seitdem hat sich viel geändert. In Flugzeugen darf nicht mehr geraucht werden, Barcelona kann man heute für unter 50 Euro besuchen und ich sitze nicht mehr staunend vor dem Fernseher, sondern erkunde staunend die Welt.

Zugfahren ist in Deutschland nicht sexy

Unglücklicherweise hat Zugfahren vor allem in Deutschland ein schlechtes Image und auch ich fand den Gedanken an 10-stündige Bahnfahrten nicht angenehm: verspätete und überfüllte Züge, horrende Preise, ausfallende Klimaanlagen zu eigentlich jeder Jahreszeit und die gelegentlich unfreundlichen Schaffner*innen haben durchaus dazu beigetragen, dass die Deutschen lieber von Berlin nach München mit easyJet fliegen. Trotz all der Debatten verzeichneten die deutschen Flughäfen 2019 ein Rekordhoch. Dazu hat die Deutsche Bahn 2016 die Nachtzüge aufgrund von Unwirtschaftlichkeit abgeschafft. Zugfahren ist in Deutschland einfach nicht sexy.

Dabei könnte nun ein Hashtag dabei helfen, das zu ändern. Zwar finden sich bei Instagram gerade mal 100+ Postings zu diesem Neologismus (Stand Januar 2020), aber die Tendenz ist steigend. Zugstolz hat sich eigentlich der Schwede Emanuel Karlsten ausgedacht, den Begriff tågskryt (was zu Zugstolz auf Schwedisch bedeutet) verwendete er zum ersten Mal bereits im Februar 2019 in einem Artikel für die Tageszeitung Göteborgs-Posten, wie die ZEIT berichtet.

Zugstolz bedarf Aufklärungsarbeit

Stolz darauf zu sein, mit dem Zug zu fahren, bedeutet natürlich erstmal, den Zug als Fortbewegungsmittel für den Urlaub in Betracht zu ziehen. Für viele stellt aber allein schon die Planung ein unüberwindbares Hindernis dar. Ich höre oft, dass die Suche nach passenden Verbindungen umständlich sei, erhalte überraschte Nachrichten, wenn ich berichte, dass mich eine Fahrt von Berlin nach Innsbruck über München nur 60 Euro gekostet hat, und lese ungläubige Postings, wie einfach das dann doch sei und wie schön so manche europäische Bahnstrecke.

Darin schwingt ganz einfach Unwissen (und gelegentlich Unwillen) mit. Ehrlicherweise musste auch ich mir bei meiner Reise nach Südtirol eingestehen, dass ich schlecht recherchiert hatte. Statt den direkten Zug von Innsbruck nach Meran zu nehmen, mietete ich mir umständlich ein Auto, das wesentlicher teurer (vor allem mit den zusätzlichen Maut-Kosten) war als das Zugticket. Und irgendwie wollte ich nicht noch einen Teil der Strecke mit dem Zug fahren. Als ich dann tatsächlich im Auto saß, war ich genervt von der Autobahn und die Zeit, dir mir während des Fahrens für andere Dinge verloren ging.

Wir brauchen also vor allem mehr Aufklärungsarbeit. Hätte ich doch zum Beispiel gleich auf der Website der Österreichischen Eisenbahn (ÖBB) geschaut und nicht bei der Deutschen Bahn nach Verbindungen recherchiert. Genau wie bei der Planung von Flugreisen sind auch beim Buchen von Zügen zwei Dinge wichtig: Schaut früh genug und checkt die Angebote und Verbindungen der nationalen Anbieter, die haben meistens auch eine englische Seite.

Zugstolz bedeutet natürlich auch, dass unser Reiseradius kleiner wird. Aber ist das wirklich so schlimm? Müssen wir immer das am weitesten entfernte Ziel für unseren Urlaub wählen?

Zugstolz bedeutet natürlich auch, dass unser Reiseradius kleiner wird. Aber ist das wirklich so schlimm? Müssen wir immer das am weitesten entfernte Ziel für unseren Urlaub wählen? Können wir nicht auch die unentdeckten Schätze erkunden, die Europa noch so für uns bereithält? Immerhin gibt es hier so einige Doppelgänger internationaler Ziele. Für mich bedeutet Zugstolz daher auch, stolz auf Europa zu sein. Stolz darauf, was für kulturelle Schätze und wunderschöne Natur wir auf so kleinem Raum haben – und die man mit dem Zug wirklich schnell entdecken kann, wenn man denn wirklich möchte.

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