Overtourism und Pandemie: Chance für einen Neuanfang?

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Overtourism war bis zuletzt in aller Munde und an vielen europäischen Orten eine bittere Realität: Venedig und Dubrovnik wurden regelrecht von Reisenden geflutet, in vielen Straßen von Barcelona und Amsterdam ging es nur mühsam und eng gedrängt voran. Auf Mallorca tummelten sich nicht selten rücksichtslos Feiernde und auf Island wurde illegalerweise wildgecampt und der Müll achtlos in der Natur entsorgt. Dass sich Reisende mit solch einem Verhalten bei den Einheimischen unbeliebt machen würden, ist eine logische Konsequenz. Kein Wunder also, dass sich an vielen dieser Orte Protest gegen den Massentourismus regte und die Akzeptanz seitens der lokalen Bevölkerung zunehmend schwand.

Die Pandemie ließ Hotspots erstmals aufatmen

Und dann kam Corona. Vielen ehemaligen Overtourism-Hotspots blieben die Tourist*innen plötzlich gänzlich weg. Die ortsansässige Bevölkerung hatte nach Jahren des Ohnmachtsgefühls einmal Zeit, so richtig aufzuatmen und die menschenleeren Innenstädte oder sonst überlaufenen Strände quasi für sich. Gleichzeitig litten all jene unter den Lockdown-Maßnahmen, die in der Vergangenheit von der Tourismusbranche gelebt haben. Bis heute verlangt die Pandemie dem Sektor (neben anderen Branchen wie der Gastro- und Kulturszene) sehr viel ab. Was bei all dem Protest gegen den Massentourismus leicht in Vergessenheit geriet, wurde mit der Zeit und dem ganzen Ausmaß der Pandemie plötzlich deutlich: Ganz ohne Tourismus geht es auch nicht. Dabei sind es nicht nur die großen Hotelketten oder Airlines, die leiden: Von Lebensmittellieferant*innen über Wäschereien bis hin zu den Putzkräften – ganze Wirtschaftszweige sind vom Tourismus abhängig.

Was bei all dem Protest gegen den Massentourismus leicht in Vergessenheit geriet, wurde mit der Zeit und dem ganzen Ausmaß der Pandemie plötzlich deutlich: Ganz ohne Tourismus geht es auch nicht.
Venedig, Italien, Touristen
© Charlott Tornow

Destinationen, die die Krise als Chance begreifen

Schon vor der Krise versuchten sich einige der Destinationen mit verschiedenen Maßnahmen neu auszurichten und nachhaltiger aufzustellen, wie zum Beispiel Mallorca. So soll die 2016 eingeführte Touristensteuer „Ecotasa“ die mallorquinische Kultur und Umwelt schützen und immer mehr Hotels werden mit der notwendigen Technik ausgestattet, die unter anderem das allgemeine Abfallaufkommen oder den Wasserverbrauch der Gäste reduzieren sollen. 

In Dubrovnik sorgte eine Verordnung 2019 derweil dafür, dass die Anzahl der einlaufenden Kreuzfahrtschiffe auf maximal zwei reduziert wurde. Nur eine von vielen Maßnahmen der Stadt, um den steigenden Menschenmassen gerechter zu werden und künftig einen ruhigeren Tourismus zu etablieren. Mit dem Lockdown im Frühjahr diesen Jahres konnte die einheimische Bevölkerung zum ersten Mal sehen, wie eine entschleunigte Destination aussehen kann und als im Sommer dann langsam und zaghaft die ersten Reisenden zurückkehrten, sahen sie, wie ein kleinerer, menschlicherer Tourismus aussehen kann.

Andernorts beschleunigte Corona selbst den Prozess und wirkte wie ein Katalysator für diese Neuausrichtung des Tourismus. So verbot Amsterdam dieses Jahr inmitten der Pandemie die private Vermietung von Ferienwohnungen im Stadtzentrum endgültig und in Venedig wurden bis zum Jahresende Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune verbannt.

Gemeinsam mit der Bevölkerung einen sanften Tourismus fördern

Neben Maßnahmen aus der Politik und Wirtschaft spielen dabei Initiativen aus der Zivilgesellschaft eine überaus wichtige Rolle. Um einen nachhaltigen Tourismus vor Ort zu etablieren, bedarf es vor allem auch der Akzeptanz der lokalen Bevölkerung. Das zeigt auch das Venedig-Beispiel: So ist das Verbot großer Kreuzfahrtschiffe in der Lagune größtenteils der Arbeit eines Bürgerkomitees namens „No grandi navi“ (zu deutsch: „Keine großen Schiffe“) zu verdanken. Mit der Pandemie haben sie ihr Ziel zumindest vorübergehend erreicht und die Hoffnung besteht, dass dieses Verbot auch langfristig Bestand haben wird.

© Marit Blossey

Nachhaltiger Tourismus als Weg aus der Krise

Auch erste Reisetrends für 2021 legen nahe, dass die Pandemie für eine Veränderung im Reiseverhalten gesorgt hat. Mehr denn je sehnen sich Reisende nach einem Urlaub in einem Ferienhaus inmitten der Natur, in dem sie ganz für sich sind. Auch hier findet also ein Umdenken statt, dass die Bemühungen der Destinationen und entsprechenden Akteure in der vergangenen Zeit belohnen könnte.

Bei all den Fortschritten und Erfolgen der vergangenen Monate sollten wir diese Zwangspause also vor allem als Chance für den nachhaltigen Tourismus sehen, wie es sie nie zuvor gab. Mehr denn je, sollten wir uns jetzt vor Augen führen, wie wir in Zukunft reisen möchten und wie wir einen bewussten Tourismus an Orten schaffen können, die sonst von Tourist*innen überlaufen werden. Mit anderen Worten oder wie es die aktuelle Kampagne der Tourismusorganisation Schleswig-Holstein sagen würde: Lasst es uns versuchen!

Wir sollten diese Zwangspause vor allem als Chance für den nachhaltigen Tourismus sehen. Mehr denn je, sollten wir uns jetzt vor Augen führen, wie wir in Zukunft reisen möchten und wie wir einen bewussten Tourismus an Orten schaffen, die sonst von Tourist*innen überlaufen werden.
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