Liebe Influencer, hört auf, die Umwelt für eure Fotos zu zerstören!

© Andrew Ly | Unsplash

In Bayern gibt es zahlreiche Bergseen, einer wunderschöner als der andere. Ein See ist in letzter Zeit ganz besonders beliebt: der Königssee in Berchtesgaden. Kein Wunder, bei dem Panorama: türkisfarbenes Wasser, steile grün bewachsene Berge links und rechts und kleine Wasserfälle, die in den See stürzen. Klingt ziemlich märchenhaft, weshalb immer mehr Menschen zu dem See pilgern. Ganz besonders ein Ausblick ist bei Instagrammern beliebt: An einer Stelle öffnet sich ein bewaldeter Steilhang zum See hin, hier sammelt sich Wasser in einem Becken und stürzt den Hang hinunter. Der Königsbach-Wasserfall befindet sich im Naturschutzgebiet, der Zugang ist gesperrt und es gibt auch keine Ausschilderung dorthin.

Trotzdem hält das Viele nicht davon ab, auf den Berg zu klettern, dabei Vegetation zu zerstören, Müll zu hinterlassen und in dem "Natur-Pool", wie er von Influencern genannt wird, zu baden. Bei dem Vorhaben, in dem Becken zu baden und sich dabei mit einer Drohne zu fotografieren, sind mittlerweile drei Menschen gestorben. Der Nationalpark Berchtesgaden, in dessen Gebiet der Königssee liegt, hat bereits mehrmals auf das Verbot aufmerksam gemacht, und dennoch gibt es Unbelehrbare, die auf Social Media erklären, wie man dort hinkommt – zuletzt die Reise-Bloggerin Yvonne Pferrer.

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Der Wasserfall am Königssee ist dem Überfall durch Influencer zum Opfer gefallen. Das früher ruhige und abgelegene Naturparadies leidet. (...) Der Run auf den Wasserfall forderte bereits Tote! Und die Natur mitten im Nationalpark wird immer mehr zerstört. Die Ufervegetation ist bereits komplett zertreten, Berge von Müll werden hinterlassen und illegale Lagerfeuer gemacht. Unbelehrbare campieren im Schutzgebiet, hinterlassen sogar ihre Billig-Zelte und Schlafsäcke. Das kann es doch nicht sein!
Statement vom Nationalpark Berchtesgaden

Pferrer hat auf Instagram 1,2 Millionen Follower*innen und damit nicht nur eine große Reichweite, sondern auch viel Einfluss. In ihrer Instagram Story erklärte Pferrer genau, wie man den Weg durch das Naturschutzgebiet (wo ein, wie das Wort schon sagt, "besonderer Schutz von Natur und Landschaft" besteht) zu dem Wasserfall findet, immer wieder mit dem Hinweis, wie gefährlich der Aufstieg sei. Im Anschluss postete sie ein Foto von sich in dem Pool, das bei vielen Nutzern auf Anerkennung stieß, bei mindestens genau so vielen aber auch massive Kritik hervorrief. Das Foto ist noch immer auf ihrem Kanal verfügbar, obwohl sich die Nationalpark-Verwaltung an Pferrer gewendet und sie um Löschung des Fotos gebeten hat. Was mich besonders schockiert und wütend macht, ist die Unfähigkeit von Pferrer, ihr Fehlverhalten zu erkennen und dazu Stellung zu beziehen. Entweder ist sie sich nicht bewusst, welchen Einfluss ihr Verhalten auf Andere hat oder sie ist einfach ignorant.

Das, was wir tun, findet Nachahmer – und das ist nicht immer gut

Denn wir Alle haben extreme Verantwortung für unser Verhalten und für das, was wir in der Öffentlichkeit zeigen – ob wir das wollen oder nicht. Pferrers Verhalten wirft nicht nur ein schlechtes Bild auf sie, sondern auch auf die gesamte Branche. Wir müssen uns bewusst sein, dass das, was wir machen, Nachahmer findet – das ist die ganze Wirkmächtigkeit hinter dem Influencer-Dasein. Deshalb wollen Marken, Unternehmen und eben auch Tourismusorganisationen, dass Influencer über sie berichten – damit sie mehr Verkäufe erzielen oder eben mehr Besucher erhalten.

Für viele Regionen ist Tourismus außerordentlich wichtig; aber er kann auch ein Fluch sein, wenn es Menschen gibt, die sich nicht an Regeln halten. Reise-Influencer müssen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für die Orte und Regionen, die sie besuchen.

Reise-Influencer müssen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für die Orte und Regionen, die sie besuchen.

Überall in Europa werden Ökosysteme durch rücksichtslose Touristen zerstört

Dabei ist Yvonne Pferrer kein Einzelfall oder in einem Wasserfall zu baden, der einzige vor allem für die Natur gefährliche Trend, der gerade auf Social Media gehypt wird. Europaweit gibt es zahlreiche Orte und Länder, die einst Geheimtipps waren, durch Internet-Hypes überrannt werden und nun unter Overtourism leiden:

Die isländische Regierung kritisiert immer wieder Touristen, die Sicherheitsbarrieren ignorieren, um Bilder an Felsvorsprüngen zu machen, Drohnen über Wildpferdherden fliegen lassen, auf Gletschern sitzen oder das grüne Moos zertrampeln, das ein reiches Ökosystem beherbergt. Auch Norwegen hat sich schockiert gezeigt über die Touristenhorden, die zu dem berühmten Trolltunga-Felsvorsprung pilgern. Nicht nur stürzen Menschen dort aufgrund von Unachtsamkeit immer wieder in den Tod, auch die Vegetation findet eben jenen, weil die Besucher neben den Wanderwegen aneinander vorbei rennen. Und dann sind da noch die Lavendel- und Tulpen-Felder in der Provence respektive den Niederlanden. Die Gier nach dem perfekten Foto in dem bunten Blumenmeer ist bei den Menschen so groß, dass sie rücksichtslos über die Felder stapfen, sich auf die Blumen legen oder sie gleich abreißen, nur um ein schönes Foto zu machen.

Lavendel
© Amy Treasure | Unsplash

Schöne Fotos wecken Begehrlichkeiten

Das Problem ist, dass schöne Fotos Begehrlichkeiten bei anderen Menschen wecken. Versteht mich nicht falsch, es ist okay, schöne Fotos machen zu wollen und auch ich möchte Orte besuchen, die ich im Internet gesehen habe. Aber es ist die Aufgabe von uns allen und vor allem von Menschen mit großer Reichweite, auch immer wieder auf den Naturschutz aufmerksam zu machen, selbst die Natur an den besuchten Orten zu schützen, keinen Müll zu hinterlassen und sich an Regeln zu halten. Gerade Reiseblogger sollten sich ja darüber bewusst sein, welches Privileg Reisen eigentlich ist – vor allem, wenn man das auch in der Zukunft noch machen möchte.

Das Leave No Trace Center for Outdoor Ethics hat deshalb eine Social-Media-Guideline erstellt, mit der sie Touristen und Outdoor-Enthusiasten auf die Konsequenzen aufmerksam machen will, die das Posten von Fotos, detaillierten Routenbeschreibungen und GPS-Koordinaten auf Social Media mit sich bringen. Ob Influencer oder nicht, jede*r sollte sich das mal durchgelesen haben.

Take no picture. Leave no footprints.

Es gibt ja diesen Kalenderspruch "Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints. Kill nothing but time." Er soll Nachhaltigkeit und Verbundenheit zur Welt und Natur suggerieren. Ich finde ihn ziemlich dämlich, denn manchmal ist es besser, einfach gar keine Fußabdrücke zu hinterlassen und gar keine Fotos zu machen, sondern die Natur einfach Natur sein zu lassen.