Radfahren und Wein? Das muss sein – Zu Gast auf einer Tour von cincin cycling

© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Trendsportarten sind ja so ein bisschen mein Endgegner – falls sich jemand an meinen Beitrag über Surfcamps erinnert. Spoiler vorab: Das hier wird dennoch ein schriftlicher Fangirlmoment. 

Seitdem COVID-19 grassiert und wir wohl oder übel unseren Alltag neu und anders gestalten müssen, verbringen viele von uns ihre Zeit mehr draußen als drinnen. Spätestens seitdem es draußen keine Anlaufstellen wie Restaurants, Bars oder Cafés mehr gibt und Fitnesssstudios geschlossen sind, ist Rennradfahren das neue Bouldern. Oder was man sonst so gemacht hat früher, was irgendwie geeky und mit seltsamer Kleidung verbunden, aber richtig gut für Körper und Geist war. Alle tun es plötzlich, jeder hat ein Rennrad, befüllt munter seinen Strava-Account und wer in der Top-Notch angekommen ist, der trägt stylische, preisintensive Rennrad-Klamotten von Brands mit coolen Namen wie Pas Normal Studios oder CHPT 3.

Mir hat mal jemand erzählt, dass Rennradfahren eigentlich immer ein ganz guter Sport war, aber die coolen Dudes aus der MTB- oder anderen Bike-Szenen sich damit einfach nie arrangieren konnten, weil man so herrlich blöd in den Klamotten aussah. Jetzt geht es also auch mit semi-cooler Kleidung, mit der man irgendwie leben kann. Rennradfahrer sind in ihrer Masse recht eitel. Man gibt Unmengen an Geld für Funktionskleidung aus, trägt unerträglich enge Socken für 25 Euro, die die Zehen in die Abstraktion treiben und zu einer unzählbaren Masse werden lassen – und wer die Beine nicht rasiert hat, wird erstmal mit Naserümpfen bedacht; schnell kann der so nämlich nicht sein.

Aber hat nicht jede Szene so ihre Eigenheiten? Vermutlich. Außerdem weiß ich ja jetzt, dass diese Rennradfahrer ziemlich tolle Menschen sind, und da ist mir dann auch die superenge Schlauchmode nahezu sympathisch. Denn dafür muss man fast ein bisschen mutig sein.

CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi
CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Drei Freunde, drei Leidenschaften: Die Basis für cincincycling

Ihr denkt euch jetzt, wird das ein Beschwerdebrief über einen weiteren Sport, den sie nicht ausübt, weil sie faul und unsportlich ist? Nein! Ich habe nämlich meine Liebe zu Rennradfahrern (!) entdeckt. Also nicht zum Sport, sondern den Menschen. Maßgeblich dafür verantwortlich sind drei Männer aus dem beschaulichen Bad Kreuznach. Peter Bender, Michael Haas und Nils Feuerhelm haben mit CinCin Cycling eine Veranstaltungsreihe geschaffen, die einen Space für Menschen mit der Liebe zum Rennsport und zum Wein schafft. Und da komm ich ins Spiel. Ich bewege mich beruflich im Kosmos Wein, bin privat leidenschaftliche Weinliebhaberin und nach meinem Assistant Sommelier, etlichen Tastings und noch mehr geleerten Flaschen zumindest auch mit etwas Know-how und Wissbegierde gesegnet. Also war ich dabei. Bei der zweiten cincincycling Tour 2020; für mich ausschließlich CinCin, für circa 20 andere Teilnehmer auch ordentlich viel Cycling.

CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Mit cincincycling verbinden die Freunde Peter, Michi und Nils ihre Passion zum Radfahren, zum Qualitätsgut Wein, das ihnen in die Wiege gelegt wurde, und ihre Liebe zur Region. Denn die Gegend rund um den Luftkurort Bad Kreuznach eignet sich ideal zum Radfahren: idyllische Natur, gewundene Straßen, abenteuerliche Rad- und Waldwege und jede Menge Weinberge zugehörig zu Rheinhessen, der Pfalz, dem Rheingau und dem geheimen Champion Nahe. Die drei haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Tourismus der Region für eine urbane Zielgruppe zu öffnen und neben dem Radsport auch den Zugang zu spannenden Winzerinnen und Winzern der Regionen zu ermöglichen.

Die urbane Szene mitten in Rheinland-Pfalz

Wenn man wie wir im Herbst gemeinsam beim vegetarischen und veganen Abendessen im Hof Eckstein sitzt und sich so umschaut, kann ich schon mal statuieren: Die urbane Zielgruppe ist da und sie hat meist weitaus mehr gemeinsame Nenner als Radfahren und der Leidenschaft für ein Gläschen Wein am Abend: Viele sind Kreative, Fotografen, Filmer, Creative Direktoren und Designer aus den großen Städten, aber auch Juristen und Manager. Und mitten drin ich, mit keiner Ahnung vom Rennradfahren, aber mit viel Hintergrundwissen zum Thema Wein.

Jeden Tag starten die Sportlichen unter uns (also alle außer ich und Lukas, der zum Orgateam gehört) auf eine Tour: Auf dem Sattel werden die liebsten Strecken der drei Gründer erkundet. Es geht über unbefahrene Weinbergswege, vorbei an kleinen Steilhängen mit kühnen Anstiegen, auf spaßigen, sich windenden Straßen und immer zwischen 70 und 180 Kilometern lang. Und die Mädels und Jungs sind ganz schön fit – mir wird schon bei den abendlichen Gesprächsrunden ganz schwindelig und meine unmuskulösen Beine zittern in Solidarität mit. Hoffnungsschimmer für die, die noch nicht ewig in die Pedale treten oder deren Fitnesslevel noch ein wenig zu wünschen übrig lässt: Ab einer Tourenlänge von über 100 Kilometer gibt es ein Begleitfahrzeug. Da kann man also notfalls aufgeben. Ansonsten entwickelt sich hier schnell Teamgeist: Wer zurückfällt, wird nicht einfach zurückgelassen, Mitfahrer seilen sich ab und supporten bei den schwierigen Metern, schieben an, motivieren.

CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi
CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Zwischendurch und nach den Touren werden Weingüter besucht: Endlich mein Fachgebiet. Es wird erklärt, gezeigt, verkostet – es ist schön zu sehen, dass bei allen nicht nur der Sport im Mittelpunkt steht, sondern vor allem auch das Miteinander; das Interesse, der Spaß. Die Kulisse tut ihr Übriges: Wir sind nahezu allein an all den schönen Orten Mitteldeutschlands. Bei wem Radfahren nicht ganz oben auf der Agenda steht: Hier kann man auch wunderbar wandern, spazieren, der Seele freien Lauf lassen. Beim Blick vom beeindruckenden Rotenfels stellt sich wohl bei jedem ein Gefühl der inneren Zufriedenheit ein.

Crewlove is true love – ob mit Rad oder ohne

Spätestens nach dem zweiten Abend hat man das Gefühl, die ganze Meute schon ewig zu kennen. Man klopft sich auf die Schulter und fragt wie die Tour war und ich erwische mich, wie ich das auch tue, obwohl es mich doch eigentlich gar nicht interessiert. Man sitzt zusammen und redet irgendwann eben nicht mehr nur über Radsport und Wein. Sondern darüber, wie es Sarah von Kanada nach Berlin (und jetzt nach Kreuznach für die Tour) verschlagen hat. Bemerkt, dass Meike und man selbst die gleichen Leute in der Heimat kennt. Und das Daniel aus Berlin für Kunden arbeitet, mit denen man auch schon in Berührung gekommen ist.

Selbst die verbissensten Radsportler werden irgendwann locker und lassen sich auf das zweite, wichtige Thema ein. Interessieren sich spätestens nach dem zweiten Tasting für Wein – und kaufen ein Fläschchen hier, bestellen eine Kiste da. An Abend zwei habe ich auf Wunsch schon Sekt von einem Winzer meines Vertrauens dabei und selbst Sigi aus München, der vorher eigentlich nicht so ein Sekttrinker war, ist begeistert – genau wie Anton aus Wuppertal. Wieso kann ich mir leicht erklären: Wer vorher nur Industriesekt aus dem Supermarkt getrunken hat, dem explodiert der Gaumen bei echtem Winzersekt von den Könnern an der Nahe. Schön, dass cincincycling auch dieses Bewusstsein fördert. Da ist er wieder, der gemeinsame Nenner.

CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Irgendwann fühle ich mich fast ein wenig doof, dass ich bei den Touren eben nicht dabei bin. Wo ich am Anfang noch dachte, hier steht nur der Wettkampf im Mittelpunkt, entsteht jetzt das Gefühl, dass diese große Gruppe zum Team wird. Ja klar, wird nach einem Riesling zu viel im Glas mal ganz ungeniert ausgesprochen, wer hier der Schnellste ist. Aber auch wer am längsten trinkt und trotzdem noch in die Pedale tritt. Your welcome, Nils. Ich bin dafür schlichtweg zu langsam; 25km/h sollte man fahren können, um mitzuhalten. Ich fahre die drei Kilometer zum Tempelhofer Feld, dann noch die gleiche Strecke rüber nach Neukölln und komme an meine Grenzen – und garantiert nicht mit 25km/h. Das ist okay. Ich kann dafür nach dem Wein von Ausnahmetalent Pauline Baumberger, den wir probieren dürfen, doppelt so schnell sprechen.

Ausgeschlossen? Fühlt man sich selbst als Nicht-Radler nie. Das liegt sicherlich auch an Michis und Petes lockerer Art: Während unserer Tour im Herbst hat vor allem Michi die abendlichen Gespräche angeführt, Witze gemacht, alle integriert, Magnumflaschen geöffnet und Gläser gefüllt. Hinter den drei Jungs steht noch mehr Support: Peters Freundin Franzi, die hilft, wo sie kann, Lukas, der die Zentrale in Kreuznach quasi erschaffen hat und alle Kooperationspartner und Helfer – ein großes Miteinander eben.

Mehr cincincycling in 2021

Für 2021 sind bisher drei Touren angekündigt – im Frühjahr, Sommer und Herbst. Alle beinhalten vier Übernachtungen im Doppelzimmer, viermal Frühstück und genauso viele wechselnde Abendessen (immer vegetarisch und vegan), den Besuch von zwei Weingütern inklusive Weinprobe, eine Kellerführung, drei geführte Rennradtouren und das tolle Add-On von einem Goodiebag und professionellen Bildern.

Nach vier Tagen mit diesen mir vorher eher unbekannten Wesen der Rennradfahrer habe ich sie danach fast ein wenig vermisst. Es war ein bisschen so wie eine Klassenfahrt mit Menschen, die man sich aussucht und die auf Augenhöhe agieren. Wein war für mich schon immer ein Türöffner, die 13 Weinanbaugebiete wunderschön und sehenswert. Wenn es eben Fahrräder braucht, um andere tolle Menschen davon zu überzeugen: Bitte. Ich sag CinCin. Ihr sagt Cycling. Dass nächste Mal im April.

CinCin Cycling, Radfahren Wein
© CinCin Cycling, Peter Bender & Lina Jakobi

Anmeldungen sind zurzeit noch nicht möglich. Alle Plätze sind aber immer schnell vergriffen, daher folgt @cincincycling bei Instagram oder checkt die Website von cincincycling aus. Und werdet Fan, so wie ich. Ganz vielleicht 2022 ja auch auf einem Rad.