11 Romane, die dir europäische Geschichte näherbringen

© Clay Banks | Unsplash

Der Geschichtsunterricht in der Schule folgt bei den meisten von uns wohl einem klaren, roten Faden: Ein bisschen Antike, ein bisschen Mittelalter und dann wird sich der deutschen Nationalgeschichte gewidmet, die uns vor allem im 20. Jahrhundert leider mehr als genug Unterrichtsstoff beschert hat. Kein Wunder, dass historische Zusammenhänge anderer europäischer Länder da ein bisschen auf der Strecke bleiben. Und falls du jetzt denkst "ups, selbst mein Wissen über deutsche Geschichte ist inzwischen ganz schön eingestaubt" – alles kein Problem. Diese 11 Romane sind fantastische Türöffner, um etwas über die europäische Geschichte zu lernen. Ganz ohne trockenen Oberstufen-Beigeschmack, dafür mit fesselndem Plot, berührender Sprache und diverseren Perspektiven.

1. Saša Stanišić: "Herkunft"

"Herkunft" von Saša Stanišić ist ein autobiografischer Roman, in dem der Autor in der Ich-Perspektive seine Familiengeschichte erzählt, die mit den Jugoslawienkriegen und der Migration nach Deutschland verwoben ist. Dabei folgt der Roman nicht chronologisch dem Lebensweg seines Erzählers, sondern schwenkt immer wieder zwischen historischen, recherchierten Fakten, persönlichen Erinnerungsfragmenten, verschiedenen Orten und Lebensphasen hin und her. Dieser Aufbau und Stanišićs poetische, liebevolle Art, Charaktere zu beschreiben, machen das Lesen zu einem großen Vergnügen. "Herkunft" gewann 2019 den Deutschen Buchpreis, wurde mit diversen weiteren Auszeichnungen versehen und von der Kritik hochgelobt. Wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte das also schleunigst nachholen – es lohnt sich.

Saša Stanišić: Herkunft | erschienen bei Luchterhand | 368 Seiten | Mehr Info

© btb | Wagenbach Verlag

2. Francesca Melandri: "Alle, außer mir"

Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria glaubt, sich selbst, ihr Land und ihre Familiengeschichte zu kennen – bis zu dem Tag, an dem auf einmal ein junger Afrikaner auf der Treppe vor ihrer Wohnung in Rom steht und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. Ilaria beginnt, Nachforschungen anzustellen. Anhand ihrer Familiengeschichte ergibt sich ein Porträt der italienischen Gesellschaft, die das Produkt von 500 Jahren Kolonialisierung ist – auch, wenn niemand darüber spricht. Francesca Melandri eröffnet mit "Alle, außer mir" ein Gespräch über den Kolonialismus, das auch in der deutschen Gesellschaft viel zu lange vermieden wurde.

Francesca Melandri: "Alle, außer mir" | aus dem Italienischen von Esther Hansen | erschienen im Wagenbach Verlag | 608 Seiten | Mehr Info

3. Erich Kästner: "Fabian oder der Gang vor die Hunde"

"Fabian" ist wohl eines der berühmtesten Werke von Erich Kästner und wurde erst im letzten Jahr mit Tom Schilling in der Hauptrolle grandios verfilmt. Der Roman erschien 1931 und zeichnet ein Bild des Berlins der frühen 1930er-Jahre, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Geschichte von Fabian, der recht ziellos durch dieses sich langsam verdunkelnde Berlin stolpert, das gerade noch vom Hedonismus der 1920er durchzogen war, gilt als teilweise autobiografisch; zusammen mit Kästners anderen Werken wurde auch "Fabian" im Zuge der Bücherverbrennung der Nazis 1933 verbannt.

Erich Kästner: "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" | 2017 neu erschienen im Atrium Verlag | 320 Seiten | Mehr Info

© Atrium Verlag | Rowohlt

4. Ernest Hemingway: "In einem anderen Land"

"A Farewell to Arms" (im Deutschen "In einem anderen Land") wurde 1929 in New York veröffentlicht und erzählt die Liebesgeschichte einer britischen Krankenschwester und eines amerikanischen Soldaten in der italienischen Armee während des Ersten Weltkriegs. In dem Buch verarbeitete Ernest Hemingway die Erfahrungen, die er selbst als Sanitäter an der italienischen Front machte. Der Roman wurde schon zur Zeit seines Erscheinens als das beste Buch über diesen Krieg gefeiert und begründete Hemingways Karriere als Schriftsteller.

Ernest Hemingway: "In einem anderen Land" | aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz | erschienen bei Rowohlt | 400 Seiten | Mehr Info

5. Elvira Mujčić: "Balkan Blues"

Lanias Großmutter ist gestorben und soll in ihrer Heimat Bosnien nach muslimischem Brauch beerdigt werden. Also machen sich Lania und ihre Brüder von Italien, wo sie aufgewachsen sind, auf in Richtung Srebrenica. Dieser Roman ist ein wilder, melancholischer Roadtrip durch Europa – inklusive Identitätssuche zwischen Raststätten, Reisebussen und der Erinnerung an einen Krieg, der die Überlebenden in ganz Europa verstreut zurückgelassen hat. Trotz der Schwere der Thematik hat Elvira Mujčić es geschafft, diese Geschichte mit einem außergewöhnlichen Humor zu erzählen, sodass "Balkan Blues" nicht nur berührend und lehrreich, sondern auch wirklich unterhaltsam ist.

 

Elvira Mujčić: "Balkan Blues" | aus dem Italienischen von Barbara Schaden | erschienen bei btb | 224 Seiten | Mehr Info

© btb | Suhrkamp

6. Annie Ernaux: "Die Jahre"

Ein moderner Klassiker: "Die Jahre" ist die Autobiografie der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, die ihr Leben von Beginn der 1940er-Jahre bis zum frühen 21. Jahrhundert nachzeichnet. Das Buch wurde vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Erzählstrategie viel besprochen: Obwohl es sich um eine Autobiografie handelt, verzichtet Annie Ernaux komplett auf die Ich-Perspektive und erzählt ihre eigene Geschichte in unpersönlicher, allgemeingültiger Form. Dabei berührt sie viele Themen, mit denen man sich als Leser*in nicht nur selbst identifizieren, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände Frankreichs im 20. Jahrhundert besser verstehen kann: Es geht um Familie, Ehe und Scheidung, um Feminismus, Politik und Konsum. Ein wahnsinniges Leseerlebnis.

Annie Ernaux: "Die Jahre" | aus dem Französischen von Sonja Finck | erschienen bei Suhrkamp | 255 Seiten | Mehr Info

7. Robert Menasse: "Die Hauptstadt"

Robert Menasses "Die Hauptstadt" wurde als "der große Europa-Roman" angekündigt und ja, er darf in einer Liste wie dieser nicht fehlen. Menasse nimmt uns mit nach Brüssel, wo Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, vor der Aufgabe steht, das Image der Kommission aufzupolieren. Es entspinnt sich eine schicksalhafte Geschichte über die verschiedenen Nationen der EU hinweg, die zwischen verhängnisvoller Bürokratie und großen Gefühlen schwebt. Ein Porträt Europas, das Schönes und Schreckliches vereint.

Robert Menasse: "Die Hauptstadt" | erschienen bei Suhrkamp | 459 Seiten | Mehr Info

© Suhrkamp | Kiepenheuer & Witsch

8. Hilman Klute: "Oberkampf"

Hilman Klute hat einem der vielen dunklen Kapitel europäischer Geschichte einen Roman gewidmet, das noch gar nicht lange zurückliegt: Wir schreiben das Jahr 2015, und der Protagonist Jonas zieht ausgerechnet in der Januarwoche nach Paris, in der der Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo die französische Hauptstadt erschüttert. Jonas gibt seinem neuen Leben trotzdem eine Chance, schließlich ist er aus Berlin und aus einer gescheiterten Beziehung geflohen, um hier in Paris eine Biografie über den Schriftsteller Richard Stein zu schreiben, den er verehrt. Doch dann trifft er in einer Bar Christine, verliebt sich in sie – und für Christine scheinen die Zeichen, die seit dem Terroranschlag über der Stadt schweben, deutlicher zu leuchten als für Jonas.

Hilman Klute: "Oberkampf" | erschienen bei Kiepenheuer & Witsch | 320 Seiten | Mehr Info

9. Jutta Voigt: "Stierblutjahre"

In "Stierblutjahre" zeichnet die Autorin und Feuilletonistin Jutta Voigt eine Chronik der Sehnsucht der DDR-Boheme nach. Zwischen den zerfallenden Mietshäusern im Prenzlauer Berg, Leipzig, Dresden oder Halle wechseln sich Hedonismus und Trostlosigkeit ab, denn es ist nicht viel zu holen für die Freigeister in diesem Land. Doch die Künstler*innen, die in "Stierblutjahre" zu Protagonist*innen werden, schaffen sich Räume, suchen das richtige Leben im Falschen. Dieses Buch gibt tiefe Einblick in eine Szene, die von Außen zu ihrer Zeit wenig sichtbar war, und lässt uns die DDR noch einmal anders begreifen.

Jutta Voigt: "Stierblutjahre" | erschienen im Aufbau Verlag | 272 Seiten | Mehr Info

© Aufbau Verlag | S. Fischer Verlage

10. Oksana Sabuschko: "Museum der vergessenen Geheimnisse"

So traurig es ist, mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 ist das Land im Osten Europas für die meisten von uns wohl näher ins Bewusstsein gerückt als zuvor. Zeit, auch die großartigen Schriftsteller*innen zu lesen, die aus und über dieses Land schreiben. Oksana Sabuschko, die an der Universität Kiew kreatives Schreiben unterrichtet und für ihre feministischen Perspektiven bekannt ist, rechnet in ihrem Roman "Museum der vergessenen Geheimnisse" schonungslos mit den Protagonist*innen der ukrainischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert ab. 700 Seiten, die sich wirklich lohnen, wenn man dieses Land besser kennenlernen und gleichzeitig eine unheimlich spannende (Liebes-)Geschichte verfolgen möchte.

Oksana Sabuschko: "Museum der vergessenen Geheimnisse" | aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil | erschienen bei Fischer | 768 Seiten | Mehr Info

11. Jonathan Coe: "Middle England"

Last but not least, ein weiterer historischer Einschnitt, der noch nicht allzu lange zurückliegt, der die europäische Geschichte aber wohl auf Jahrzehnte prägen wird: In "Middle England" rechnet Jonathan Coe mit dem Brexit ab. Sein irre witziger Roman spielt zwischen dem multikulturellen London, der rassistisch geprägten britischen Provinz und der Frage, was britische Identität heute eigentlich bedeutet. So versucht Coe, sich der Frage, wie es zum Austritt Englands aus der Europäischen Union kommen konnte, wenigstens ein bisschen zu nähern.

Jonathan Coe: "Middle England" | in der deutschen Übersetzung erschienen bei Folio | aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs | 480 Seiten | Mehr Info

© Penguin Random House

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