Eine Reise zu dir selbst – So kannst du ein Meditationswochenende am Benediktushof Holzkirchen verbringen

© Anika Jessen

Als der Gong erklingt, verneige ich mich, stehe auf und verneige mich erneut – vor mir selbst, meiner Zen-Praxis und meinen Mitpraktizierenden im Raum. Die Nackenschmerzen, die mich den ganzen Tag auf der Reise nach Holzkirchen begleitet haben, sind weg. Mein Kopf ist klar und ich fühle mich ziemlich wach und irgendwie sehr zufrieden. Es ist nur einer dieser Momente während meiner Zeit im Meditationszentrum Benediktushof, der mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Umgeben von weiten Getreidefeldern und sanften, bewaldeten Hügeln ist der Benediktushof Holzkirchen ein Ort, dem Ruhe und Entspannung innewohnen. Das ehemalige Benediktinerkloster aus dem 8. Jahrhundert in der Nähe von Würzburg wurde 2003 von Willigis Jäger, der als Benediktinermönch und Zen-Meister zwei spirituelle Wege vereinte, in ein überreligiöses, spirituelles Zentrum umgewandelt. Seither werden hier verschiedenste Meditationsrichtungen und Achtsamkeitskurse unabhängig einer spezifischen Weltanschauung gelehrt. "Der Benediktushof steht allen Menschen offen. Jeder ist  willkommen, der oder die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist", so der spirituelle Leiter Alexander Poraj.

Zen bedeutet, dich immer wieder darauf einzulassen, was gerade ist.
Dagmar Buxbaum

Die historischen Klostergebäude wurden modernisiert und alle Kurse finden in hellen, einfachen Räumen statt, aus deren Fenstern du in den üppig begrünten Innenhof blicken kannst. Die klaren Linien und Formen der weiten Gartenanlagen sind das visuelle Abbild der Stille, die den Benediktushof umgibt. Zurückhaltende Farben und ein minimalistisches Design reduzieren äußerliche Reize und schaffen so eine Umgebung, in der sich die Gäste auf das Wesentliche besinnen und ganz zu sich selbst kommen dürfen.

Neben Zen-Meditation und Kontemplation ergänzen MBSR-Kurse (Mindfulness-Based Stress Reduction) und Klangerfahrungen das holistische Meditationskonzept des Hofes. Auch Bewegungsformen der Meditation werden gelehrt, darunter Yoga, Qi Gong oder Tanzmeditation. Dabei wird großen Wert darauf gelegt, die Inhalte lebenspraktisch zu gestalten. Auch wenn du keinerlei Erfahrung mitbringst, lernst du, die neu gewonnen Erkenntnisse und Impulse auch fernab der Klostermauern in dein Leben einzubringen.

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© Milena Magerl
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© Milena Magerl

Wie meditiert man eigentlich richtig?

Was mir bis zur Anreise nicht bewusst ist: Am Benediktushof wird in vollkommener Stille praktiziert. Das bedeutet, nicht nur in den Kursräumen und während der Meditationszeiten, sondern überall im Haus wird geschwiegen. Auch Geräusche werden auf ein Minimum begrenzt. Jede*r achtet bewusst darauf, die großen Türen nicht lautstark zufallen zu lassen oder über den Hof zu rennen, um den Lärmpegel zu reduzieren. Da jedoch alle Gäste genau deshalb angereist sind und gerne die Möglichkeit nutzen, ohne Ablenkungen zu praktizieren und in sich zu kehren, herrscht keine unangenehm kontrollierte Atmosphäre, sondern einfach eine angenehme Achtsamkeit – und keine Sorge, es gibt natürlich Ausnahmen.

"Wer doch gerne einmal telefonieren und reden möchte, kann einen Spaziergang durch die Felder machen, die hofeigene Buchhandlung durchstöbern oder sich an die Brücke setzen", erklärt mir Frau Englert bei meiner Ankunft. Die Brücke außerhalb des Innenhofes ist sozusagen die Kontaktbörse unter den Kursteilnehmer*innen. Hier findet sich immer jemand, der sich gerne über das Gelernte und die Erfahrungen während der Meditationssessions austauschen möchte.

Meditation ist mir bereits seit vielen Jahren vertraut, doch ich bin neugierig, inwiefern sich verschiedene Meditationswege ähneln. Deshalb habe ich mich für einen Zen-Einführungskurs bei Dagmar Buxbaum entschieden. Die Zen-Meisterin kam bereits vor rund 40 Jahren mit Meditation in Berührung und hat schon viele Stunden "auf dem Kissen verbracht", wie sie erzählt.

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© Milena Magerl
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© Milena Magerl

Bye bye Multitasking: Achtsamkeit üben und erfahren

Aber was ist Zen eigentlich genau? Zen ist eine Meditationspraxis und weder Philosophie noch Religion. "Alles ist Zen. Wenn ich sitze, sitze ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich esse, esse ich und wenn ich schlafe, schlafe ich", sagt Zen-Lehrerin Dagmar Buxbaum, während ihr rund 15 aufmerksame Gesichter entgegenblicken. Gut die Hälfte der Teilnehmer*innen ist in meinem Alter, was mich überrascht, aber natürlich freut, auch wenn wir durch das Schweigegelübde, das wir für die Tage im Meditationszentrum abgelegt haben, zu Beginn nur mit unseren Augen oder einem Lächeln kommunizieren.

"Eigentlich haben wir im Alltag in jedem Moment die Gelegenheit, präsent zu sein und unserem Tun die volle Aufmerksamkeit zu schenken und das, was wir tun, nicht nur nebenher zu tun, sondern wirklich zu verkörpern", erklärt Dagmar Buxbaum. Auch wenn es fast schon leer klingt: Zen bedeutet im Hier und Jetzt zu s e i n. Zen hat kein Ziel, das es zu erreichen gilt. Zen selbst ist das Ziel.

Sitzen ist eben doch nicht gleich Sitzen. Ein langer Tag auf dem Meditationskissen ist absolut nicht mit vielen Stunden auf dem Bürostuhl vergleichbar.
Milena Magerl

Vielleicht hört sich das erst einmal relativ abstrakt für dich an oder du denkst, dass du gar keine Zeit im Alltag hast, dich dem vermeintlichen Nichtstun auf dem Kissen zu widmen. Davon abgesehen sitzen wir doch eigentlich eh schon alle genug rum, oder? Du kannst das Sitzen als innerliche und nicht äußerlich sichtbare Arbeit sehen und Zen jederzeit in deinen Alltag integrieren. Selbst beim Spülmaschine einräumen oder Zähneputzen kannst du "Zen sein". Immer wieder kannst du dich entscheiden, ob du währenddessen in deine Gedanken abtriftest und irgendwelche To-Do-Listen abhakst oder präsent bist. Bye, bye Multitasking!

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© Anika Jessen
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© Milena Magerl

Der frühe Vogel ist "Zen"...

Mein Handywecker klingelt um 5 Uhr in der Früh – übrigens die einzige Situation, in der ich mein Handy aktiv nutze während meiner Zeit am Benediktushof. Vor meinem Fenster hat der Tag schon begonnen. Bisher ohne mich und das würde ich eigentlich auch gerne noch für einige Snooze-Minuten beibehalten, doch ich muss mich beeilen, denn gleich treffen wir uns alle zum gemeinsamen Kinhin im Hof. Kinhin ist das meditative und achtsame Gehen. Doch das bedeutet keineswegs, dass du langsam vor dich hin schleichst. Zügig umrunden knapp 100 Teilnehmer*innen verschiedener Kurse den kleinen Teich im Hof, als das laute Geräusch der Hyoshigis Klanghölzer erklingt. "Manchmal erschrickt man regelrecht, wenn das passiert – ein gutes Zeichen dafür, dass man nicht wirklich wach und präsent war", erklärt Dagmar Buxbaum.

Beim Gehen konzentriere ich mich auf meine Füße, versuche zu spüren, wie meine Fußsohlen mit dem Boden in Berührung kommen, versuche, die immer wiederkehrende Bewegungen meiner Beine wahrzunehmen. Statt nur an mein Ziel zu denken, fokussiere ich mich auf meinen Atem, spüre bewusst die Einatmung und die Ausatmung und wie sich mein Gang an den natürlichen Rhythmus meines Atems anpasst. Normalerweise sind Alltagswege für viele Menschen, mich eingeschlossen, eine Art Nebenbeschäftigung. Während wir die Strecke zur Lieblingsbäckerei oder zur Arbeit zurücklegen, scrollen wir durch Instagram, unterhalten uns mit Freund*innen, hören Podcast oder lassen unserem Kopf freien Lauf und denken viel eher über unser Ziel nach als über das, was wir gerade in diesem Moment tun. "Zen bedeutet, dich immer wieder darauf einzulassen, was gerade ist", sagt Zen-Lehrerin Dagmar Buxbaum.

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© Milena Magerl
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© Milena Magerl | Anika Jessen

Sitzen und Gehen

Als ich die Klanghölzer erneut höre, verbeugen wir uns und laufen schnurstracks in unsere Kursräume, denn das war nur der Auftakt zur darauffolgenden Sitzmeditation, die im japanischen Zazen genannt wird. Zwischen 15 und 30 Minuten sitzen wir auf unserem Meditationskissen – und das mehrmals täglich. Auch wenn wir das im Alltag eh schon viel zu viel tun und das erst einmal ganz banal klingt, ist es tatsächlich ziemlich anstrengend und hat eine ganz andere Wirkung auf Körper und Geist. Damit wir unsere Beine am Ende des Sesshins, wie mehrtägige Meditationssession im Zen genannt werden, noch entspannt bewegen können, zeigt uns unsere Zen-Meisterin verschiedene Sitzpositionen.

Anschließend sitzen wir und schauen mit halb geöffneten Augen gegen die Wand. Wie bitte? "Ja genau, denn das hilft gerade Anfänger*innen, sich keine unnötigen Gedanken über das Gegenüber zu machen und bei sich zu bleiben", sagt Dagmar Buxbaum. Weil unsere Zen-Lehrerin aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Fragen nicht nur Meditationsanfänger*innen mitbringen – die übrigens von "Was kann ich tun, damit mein Knie nicht mehr weh tut beim Sitzen?" bis zu komplexeren Inhalten reichen –, steht sie uns nicht nur in Einzelgesprächen (Dokusan), sondern auch während ihrer Vorträge (Teisho) Rede und Antwort. Und das in klaren Worten, die ganz und gar nicht weltfremd, sondern einfach und einleuchtend sind.

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© Milena Magerl

Und so vergehen die Tage sehr schnell: Wir sitzen und gehen und sitzen und gehen und abends fallen wir entspannt in unsere weichen Betten. Auch wenn ich sehr gerne morgens schon Yoga praktiziere oder meditiere, würde ich mich nicht unbedingt als absolute Frühaufsteherin bezeichnen, denn es kostet mich immer ein wenig Überwindung – und ein Wake-up-Call um 5 Uhr früh ist definitiv eine neue Schmerzgrenze. Doch während ich mich am ersten Morgen am liebsten gleich wieder umgedreht und weiter geschlafen hätte, fühle ich mich am Tag darauf schon viel wacher und habe gar nicht mehr das Gefühl, mich aus dem Bett quälen zu müssen.

Auch wenn das häufige Meditieren und der neue Input herausfordernd sind, kann ich richtig spüren, wie ich mental und physisch Kraft tanke. Sitzen ist eben doch nicht gleich Sitzen. Ein langer Tag auf dem Meditationskissen ist absolut nicht mit vielen Stunden auf dem Bürostuhl vergleichbar. Nach meiner Zeit am Benediktushof in Holzkirchen reise ich richtig ausgeglichen und energetisch ab. Ich kann einen Besuch in diesem Meditationszentrum sehr empfehlen und werde sicherlich noch einige Male hier sitzen.

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