Festa da Transumância – So traditionsreich und schön ist der Schafauftrieb in Portugal

© Mela Mörtenbäck

Die Transhumanz, also die uralte Tradition der Wanderweidewirtschaft, ist vielen von uns primär aus den Alpen bekannt. Erst im Dezember 2019 hat die UNESCO die Transhumanz in den Ötztaler Alpen in die internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Nur wenigen ist jedoch bekannt, dass der Schafauftrieb auch in anderen Ländern eine langjährige Tradition hat. So stellt etwa das Festa da Transumância in der portugiesischen Serra da Estrela den Höhepunkt zu Sommerbeginn dar und ist ein Spektakel für sich – welches eine Reise in Portugals Berge durchaus lohnt. 

Es ist früh, als wir uns an einem Frühsommertag im portugiesischen Hinterland auf den Weg in das Bergdorf Seia machen, um am traditionsreichen Schafauftrieb teilzunehmen. Kurz nach 6 Uhr reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf, eine halbe Stunde später sitzen wir im Auto. Während über dem Tal eine dichte Nebeldecke hängt, taucht die Morgensonne hier auf 1.200 Meter die Berge bereits in ein warmes Licht. 

Im kleinen Bergdorf herrscht angespannte Vorfreude unter den Menschen. Die Familien der Hirten, Nachbarn und Besucher aus anderen Teilen Portugals sind früh an den Rathausplatz gekommen, um die Transhumanz zu begleiten. Es ist der Höhepunkt zu Sommerbeginn und eine uralte Tradition, die man mit viel Engagement aber auch Freude am Leben erhalten will. Als das Festa da Transumância 2013 als ein Projekt der Aldeias de Montanha erstmalig als neuzeitliches Fest organisiert wurde, waren es gerade mal fünf Hirten, die ihre Herden gemeinsam in die Berge der Serra da Estrela trieben. Sechs Jahre später nehmen bereits deutlich mehr Hirten am Fest teil und treiben mittlerweile mehr als tausend Schafe und Ziegen in die Berge. 

Festa da Transumância
© Mela Mörtenbäck
Festa da Transumância
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Bei der Festa da Transumância werden mehr als tausend Schafe und Ziegen in die Berge getrieben

Kurz nach 8 Uhr hat sich die Sonne auch in Seia langsam durch die Wolken gekämpft und verspricht einen sonnigen Tag. Plötzlich wird es laut und unruhig in den Straßen. Der erste Hirte zieht mit seiner Herde auf dem Platz ein, begleitet vom lauten Glockengeläut seiner Tiere. Bunt geschmückt, mit Wollbommeln und Schleifen, zieht das Vieh an den begeisterten Zuschauern vorbei. Immer mehr Hirten finden sich nun am Rathausplatz ein, stets begleitet von den Cão de Serra de Estrela, den charakteristischen Hirtenhunden der Region. Hunderte Schafe und zahlreiche Glocken sorgen für ein buntes Treiben und froh klingendes Geläut in dem sonst beschaulichen Bergdorf. Als die letzte Herde den Platz erreicht, setzen sich die Hirten in Bewegung, um ihr Vieh in die Berge zu treiben. Einheimische und Familien mischen sich unter die Herden und begleiten den Auftrieb in vergnügter Stimmung.

Nach rund eineinhalb Stunden hat der Zug das erste Etappenziel erreicht. Die Bewohner von Póvoa Velha haben für die Hirten und ihre Familien ein Frühstück vorbereitet – allerlei süßes Gebäck, Käse und Wurst wird aufgetischt, selbst Wein darf trotz der frühen Stunde nicht fehlen. Das aus nur wenigen Häusern bestehende Dorf wird für kurze Zeit zum Leben erweckt, jede noch so kleine Gasse ist mit unzähligen Menschen gefüllt.

Festa da Transumância
© Mela Mörtenbäck
Festa da Transumância
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Gebäck, Wurst, Käse und Wein zum Frühstück für die Hirten

Während der kurzen Verschnaufpause lernen wir Ana kennen. Es ist eine eindrucksvolle Geschichte, welche sie uns in der nächsten halben Stunde über das kleine Dorf erzählt. Denn war Póvoa Velha einst vom völligen Zerfall bedroht, entschieden sich Ana und ihr Mann zum Wiederaufbau und restaurierten die jahrhundertealten Steinhäuser in mühevoller Kleinarbeit. Heute zeugen Bilder in Anas Besitz vom einstigen Zustand des Dorfs, während viele Häuser nun für Urlauber zur Miete bereitstehen.

Langsam kommt erneut Bewegung in die Herden, der Auftrieb setzt sich fort. In gemütlichem Tempo schreiten wir den Weg weiter, umringt von tausenden Schafen, die zielgerichtet den Hirten folgen. Nur hin und wieder kommt ein Schaf, angezogen von den umliegenden Pflanzen, vom Weg ab, wird aber umso schneller wieder von einem Hirten oder Hirtenhund zurück zur Herde gelotst. Etwa vierzig Minuten später erreichen wir die Einsiedelei der Senhora do Espinheiro. Während die Schäfer noch ihre Herden auf der angrenzenden Wiese zusammentrommeln, genießen wir das Panorama, das bis weit über die Täler am Fuße der Serra da Estrela hinausreicht. Es ist Mittagszeit und die Hirten legen die obligatorische Siesta ein. Begleitet von den Tönen der Dudelsäcke der performenden Band. Es wird ausgelassen gegessen, getrunken, geplaudert und geruht. Erst als die ärgste Mittagshitze vorbei ist, ziehen die Schäfer weiter. Ihr Ziel ist das auf 1.080 Meter Seehöhe gelegene Dorf Sabugueiro. Ein Ort, an dem die Schäfer und ihre Helfer des heutigen Tages zur Ruhe kommen und ihr Vieh den hochgelegenen Weiden überlassen.

Festa da Transumância
© Mela Mörtenbäck
Festa da Transumância
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Einer dieser Schäfer ist der Portugiese Americo. Sein Gesicht ist gezeichnet vom Leben. Braungebrannt steht er vor uns, seine tiefgründigen Augen haben stets alles im Blick, was um ihn herum passiert. Seit er acht Jahre alt ist, treibt Americo alljährlich die Herden in die Berge. Zunächst mit seinem Vater, später alleine. Kein Jahr ist seither vergangen, in dem er nicht mindestens sechs Wochen in den Sommermonaten in der Serra da Estrela verbracht hat. Im Freien, lediglich von einem Regendach vor Wind und Wetter beschützt. Weil es notwendig war, um zu überleben. Und, weil er es sich vermutlich heute gar nicht mehr anders vorstellen könnte – seit nunmehr fünfundvierzig Jahren.

Festa da Transumância
© Mela Mörtenbäck

Über die Serra da Estrela und das Festa da Transumância

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