Warnemünde statt Venedig – Deutsche Urlaubsorte leiden unter Overtourism

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Es ist heiß und es bleibt heiß. Die Temperaturanzeige fällt gar nicht mehr unter die knallrote 30-Grad-Marke und zwischen den Straßenschluchten steht die Hitze. Da gibt es nur noch eines für uns Städter*innen: Die nächste Bademöglichkeit finden! Nachdem mittlerweile sogar die Plätze in Freibädern vorab reserviert werden müssen, verlassen viele von uns zum Abkühlen die Stadt. Für einen Nachmittag am See, oder noch besser einen ganzen Urlaub – was soll man bei dieser Hitzewelle auch sonst machen?

Ein Revival für den Heimaturlaub

Wer dieses Jahr wo Urlaub macht, bleibt ein spannendes Thema, immerhin erkunden einige zum ersten Mal überhaupt die nähere Umgebung als Urlaubsort. Pluspunkt für die Umwelt – man denke nur daran, wie wenige Flugzeuge gerade fliegen. Im Juni sind immerhin 88 Prozent weniger Passagierflugzeuge gestartet als letztes Jahr zu dieser Zeit– die Fridays for Future Bewegung jubelt. Mittlerweile führt der „Heimaturlaub“ aber zu ganz neuen Problemen.

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Eigentlich war das doch eine schöne Vorstellung: dass jetzt Urlaub gemacht wird, für den keine langen Reisen notwendig sind. Dass wir durch die Corona-Krise das extra bisschen Motivation bekommen haben, um der Umwelt zuliebe auf billige Kurzstreckenflüge zu verzichten. Und stattdessen Orte (wieder-) entdecken, die gar nicht weit entfernt sind. Zum Beispiel die wunderschöne fränkische Schweiz auf Wanderungen oder die brandenburgische Havel auf einem Bootsausflug.

Vermüllte Badeplätze, Wildcamper & Staus ohne Ende

Mal ehrlich: Wer findet diesen Sommer die Vorstellung von kühlen Bergseen, dem Meer, schattigen Wälder und lauen Abenden vor dem Camper nicht idyllisch? Doch so nett wie das für uns Städter*innen klingt, sieht es in der Realität auf dem Land nicht aus. Anwohner*innen und Natur leiden unter Wildcampern, liegen gelassenem Müll und einer generellen Überbelastung: „Overtourism“ heißt dieses Phänomen, mit dem andere Reiseziele wie Sardinien, Venedig, aber auch weit entfernte Orte wie Australien, schon seit Jahren zu kämpfen haben. 

Die Konsequenz des Übertourismus in Deutschland ist der „Grant“ der Einheimischen, wie man im Süden von Bayern sagen würde. Dort finden momentan immer wieder Demonstrationen gegen die tourismusbedingte Verkehrsbelastung statt. Unter dem Motto „Ausbremst is!“ wurde zuletzt am 8. August 2020 in Grainau protestiert. Grainau ist ein kleiner Ort, durch den die Zufahrtsstraße zur Zugspitze und zum Eibsee führt. Der Instagram-Hype um den schönen See lockt jede Woche hunderte Besucher*innen. Meist sind die Parkplätze am See schon früh belegt. Wer später kommt, parkt wild am Straßenrand oder steht stundenlang im Stau durch den Ort.

Eibsee_Bayern_Deutschland
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So bewusst wie dieses Jahr, haben wir uns wohl alle schon lange nicht mehr mit dem Thema Urlaub befasst. Und das hat auch etwas Gutes.

Das nördliche Pendant dazu sind beliebte Badeorte an Deutschlands Küsten: An der Nord- und Ostsee werden zeitweise Strände und ganze Inseln für Besucher*innen gesperrt. Das geschieht zum Teil um die Natur zu schützen, aber auch um die Corona-Maßnahmen aufrecht erhalten zu können. Auf einigen Inseln wie Helgoland und Sylt wurde zum Beispiel eine Maskenpflicht auf den Straßen zum Strand eingeführt). Ist es also nicht die Umwelt, dann ist es wieder die Corona-Krise, die zu Konflikten zwischen Stadt und Land und generell beim Reisen führt.

Tatsächlich fahren zum Beispiel viele Urlauber*innen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, was die „Ausbremst is!“-Demonstrierenden sicher befürworten würden. Die Züge sind deshalb aber seit einigen Wochen sehr voll und die Gefahr sich auf der Reise anzustecken ist wieder gewachsen. Was ist also besser: Zug oder Auto? Vielleicht einfach eine Fahrradtour von einem abgelegenen Ort zum nächsten. Dann sollte man aber bereit sein, die ganze Strecke auch wieder zurück zu radeln, denn die Fahrradstellplätze in den Zügen sind diesen Sommer heiß begehrt und zumeist ausgebucht.

Man merkt: Dieser Sommer fordert. So bewusst wie dieses Jahr, haben wir uns wohl alle schon lange nicht mehr mit dem Thema Urlaub befasst. Und das hat – bei all den Schwierigkeiten eine Abkühlung zu bekommen – auch etwas Gutes.

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