Tschüss Plastik? So gehen Europas Länder mit dem Plastikproblem um

© Tobias Tullius | Unsplash

Ich bestelle eine hausgemachte Limonade in einem Café in Belgrad. Es ist das erste Mal, dass ich das Land im Balkan bereise. Serviert bekomme ich eine Zitronenlimonade in einem Glas inklusive Plastikstrohhalm. Da fällt es mir wieder bewusst auf: Plastik. Und erinnere mich an die Nachricht vom April, als ein toter Pottwall an der italienischen Küste angespült wurde: 22 Kilo Plastikmüll in seinem Magen. Erst kurz zuvor im März 2019 hatten die Abgeordneten der EU über ein Maßnahmenpaket abgestimmt, das ein Verbot von Einmalprodukten wie Wattestäbchen, Plastikbesteck und Strohhalmen aus Plastik ab 2021 vorsieht. Und im Mai diesen Jahres haben sich 187 Staaten für strengere Plastikmüll-Exporte entschieden.  

Plastik und Plastikmüll sind tatsächlich an vielen Orten hier in Serbien und anderen europäischen Ländern immer wieder zu sehen. Vor allem beim Reisen fällt es mir auf, wenn im Hotel jede Seife, jeder Wattestab und jedes Wattepad einzeln in Kunststofffolie verpackt ist. Dazu kommen die vielen Pröbchen, die nach einmal nutzen nicht etwa vom Reinigungspersonal stehen gelassen, sondern einfach ausgetauscht werden. Da sind die Strohhalme fast schon das kleinste Problem. Es scheint kein Bewusstsein für die Müllvermeidung und korrekte Entsorgung zu geben. 

In Japan, erinnere ich mich, war jede einzelne Postkarte in eine hauchdünne Klarsichtfolie verpackt, damit sie nicht knickt und schmutzig wird. Plastik, das umgibt uns im Alltag nach wie vor, auch wenn in den Medien mittlerweile prominent Themen zur Plastikvermeidung behandelt und auch in der EU Maßnahmen für die Reduzierung von Plastik thematisiert werden.

Müllverschmutzung an Stränden Plastikatlas
© Plastikatlas

Plastikmüll als Wirtschaftsgut

Aber nicht nur die Produktion von Plastik ist ein globales Wirtschaftsgut, sondern auch der Plastikmüll: das, was übrig bleibt, nachdem wir die Limonade getrunken, die Postkarte ausgepackt und beschrieben und auf dem Wochenmarkt Obst in dünnen Einwegplastiktüten zum Strand transportiert haben. Schon beim Beginn der Reise fängt das Dilemma an: Die Bordverpflegung ist meistens umständlich in verschiedene Lagen Plastik gehüllt und natürlich bestehen Becher, Besteck und Verpackungen der Snacks aus dem ollen Material. Nach der Landung fliegt alles direkt in den Müll. 

Die Bordverpflegung ist meistens umständlich in verschiedene Lagen Plastik gehüllt und natürlich bestehen Becher, Besteck und Verpackungen der Snacks aus dem ollen Material. Nach der Landung fliegt alles direkt in den Müll. 

Über Plastik, Plastikmüll und Plastikvermeidung ließen sich ganze Doktorarbeiten schreiben, wie mir bei der Recherche auffällt. Was vor allem auffällt: In jedem Land gibt es eine andere Wahrnehmung dieser Thematik. Ich dachte, dass wir hier in Deutschland schon weiter sind. In Cafés und Bars der Großstädte gibt es schließlich nahezu keine Strohhalme aus dem Material mehr, das sich in der Natur einfach nicht zersetzen will. Supermärkte haben die Plastiktüte ebenfalls fast vollständig verbannt – andere Länder wie z.B. Frankreich sind da jedoch konsequenter. Biergärten und auch Cateringfirmen steigen auf Alternativen um, unabhängig davon, ob und wie sinnvoll nun der Einsatz von Bambustellern oder Gabeln und Messer aus Pflanzenfasern beziehungsweise sogenannten Biokunststoffen ist. Wir sind doch aufgeklärt, meinen wir, und achten zu Hause und eben beim Einkauf darauf, möglichst wenig Verpacktes zu kaufen. 

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Deutschland – Verpackungsabfall-Weltmeister statt ressourcenschonender Vorreiter

Doch Deutschland steht nicht besser dar als andere Länder. Im von der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichten Plastikatlas heißt es, dass zwischen 1950 bis 2015 bereits weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert wurden. Deutschlands pro-Kopf-Verbrauch an Plastikverpackungsabfällen beträgt rund 38 Kilogramm. Weltmeister im ressourcenschonenden Umgang sind wir lange nicht. Schlimmer in der EU sind nur noch Luxemburg, Irland und Estland. Außerdem steht unser Heimatland an Platz drei – hinter den USA und Japan – mit dem höchsten Export von eben jenem Müll. Exportiert wird meist in asiatische Länder wie Indonesien und Malaysia, aber auch innerhalb Europas in die Niederlande und nach Polen. Und so können wir also noch einiges besser machen und sollten uns vielleicht ein Beispiel an Ljubljana nehmen. Das ist nämlich die erfolgreichste Zero-Waste-Hauptstadt Europas. 

Immerhin hat Deutschland in diesem Jahr ein neues Verpackungsgesetz verabschiedet. Ich werde nun noch verstärkter bei mir zu Hause und vor allem auf Reisen darauf achten, was ich verbrauche.

Auch als Einzelne könnt ihr helfen, Plastik zu vermeiden

Damit 2050 laut Prognosen nicht mehr Plastik als Fisch im Meer schwimmt, könnt ihr aktiv einiges tun. In elf Punkten haben wir schon einmal aufgeschrieben, worauf es beim Reiseequipment ankommt. Aber nicht nur beim plastikschonenden Packen und mit dem Einkauf von nachhaltigen, recycelten oder natürlichen Materialien eurer Kleidung oder Reiseutensilien könnt ihr anfangen. 

Achtet schon beim Buchen eurer Unterkunft auf ein nachhaltiges Konzept. Immer mehr Hotels und Hostels setzen solche um. Und auch beim Fliegen könnt ihr einiges tun: Wie wäre es mit einem CO2-Ausgleichszertifikat? Schaut hin, welche Projekte unterstützt werden. Gegebenenfalls könnt ihr natürlich auch einfach direkt an diese Projekte spenden. 

Weist die Bedienung beim Bestellen von Getränken aktiv darauf hin, dass ihr keinen Strohhalm braucht. Vielleicht bietet sich auch ein kurzes Gespräch an, warum ihr diesen nicht nutzen wollt, denn womöglich ist in eurem gewählten Reiseland das Bewusstsein dafür noch nicht in den Medien und beim Endverbraucher angekommen. Wer sich unsicher ist, wie gut die Gläser gespült wurden, packt sich einfach noch einen faltbaren Strohhalm ein und hat ihn immer in der Tasche dabei. Meistens passen die auch perfekt an das Schlüsselbund. Eigentlich gilt auch gleiches für Besteck. Selbst in vielen Restaurants oder Imbissen bekommt ihr im Ausland oftmals Einwegbesteck und Einweggeschirr, obwohl ihr euer Essen gar nicht zum Mitnehmen bestellt habt.

Plastik Nachhaltigkeit
© Reisevergnügen

Anstatt Muscheln einfach mal Müll sammeln

Außerdem könnt ihr Leute am Strand ansprechen, die ihren Müll liegen lassen oder nehmt ihn hinterher mit, wenn ihr euch nicht traut, mit fremden Menschen in den Dialog zu gehen. Gerade in Strandregionen könnt ihr zum Ende eures Spaziergangs ein kurzes Beach-Clean-up machen. Aber auch im Wald und beim Wandern entdeckt man leider immer wieder Müll von unachtsamen Reisenden am Wegesrand. Niemand erwartet von euch, dass ihr den kompletten Strand oder Wald reinigt. Aber zusätzlich zur Muschel vom Strand als Erinnerung: Nehmt doch einfach auch noch ein bisschen Plastik direkt mit und entsorgt es.

Unterstützt den lokalen Handel und vermeidet Plastik, in dem ihr auf Märkten anstatt im Supermarkt einkaufen geht. Im besten Fall habt ihr natürlich dann einen wiederverwendbaren Beutel dabei. 

Das sind nur einige Tipps für ein bewussteres und nachhaltigeres Reisen. Lasst uns Deutschland, Europa und auch die Meere plastikärmer machen!

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