Gut fürs Klima oder Ablasshandel? Diese Vorteile und Nachteile hat CO2-Kompensation

© Marit Blossey

Wenn es um Klimaschutz geht, gibt es etliche Dinge, die wir jetzt sofort tun könnten: weniger konsumieren, weniger Fleisch essen, weniger Plastik verwenden, weniger durch die Welt reisen, mehr regionale Bio-Lebensmittel essen, nicht so viel wegschmeißen, öfter im eigenen Land Urlaub machen, auf nachhaltige Unternehmen setzen. Und CO2 kompensieren. Die Optionen überfordern uns manchmal und oft wissen wir nicht, wo wir eigentlich anfangen sollen. Und zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch das Buzzword der letzten Jahre: CO2-Kompensation.

Ich erkläre dir in diesem Artikel, was es damit auf sich hat, welche Vorteile und Nachteile CO2-Kompensation mit sich bringt und ob es überhaupt eine langfristige Lösung für den Klimawandel ist.

Was ist überhaupt CO2?

Damit es keine Misverständisse gibt, fangen wir mal ganz von vorn an. CO2, also Kohlenstoffdioxid oder Kohlendioxid, ist ein Molekül, das aus Kohlenstoff und Sauerstoff besteht und natürlicherweise in der Erdatmosphäre vorhanden ist. CO2 wird bei der Zellatmung vieler Lebewesen, aber auch bei der Verbrennung fossiler Stoffe wie Holz, Kohle, Öl oder Gas sowie beim Zer­fall toter Organismen oder durch natürliche CO2-Quellen wie Vulkangase freigesetzt.

Auch wenn CO2 einen eher schlechten Ruf hat, ist das Molekül per se erstmal nicht schlecht, denn es nimmt als Treibhausgas eine entscheidende Rolle für das Klima auf der Erde ein: Es absorbiert die Wärme, die von der Erde abgegeben wird, und reflektiert es. Dadurch kühlt die Erde nicht ab und es entsteht ein gemäßigtes Klima. Zudem ist CO2 notwendig für die Entstehung von Leben auf der Erde: Pflanzen und bestimmte Bakterien nehmen CO2 auf und wandeln es durch Photosynthese in Sauerstoff und Glukose um– also jene kohlen­hydrat­haltige Bio­masse, die ein Grund­stoff aller Organismen und daher für uns überlebensnotwendig ist. Dabei binden nicht nur überirdische Pflanzen CO2, auch die Ozeane sowie Moore und Feuchtgebiete wirken als sogenannte Kohlenstoffsenke und speichern fast zehn Mal so viel Kohlenstoff wie Wald.

Was verursacht am meisten CO2?

Auch wenn CO2 per se nichts schlechtes ist, sind es jedoch die großen Massen, die seit Beginn der Industralisierung vom Menschen freigesetzt werden – der sogenannte CO2-Fußbadruck, den wir hinterlassen. 2019 wurden zusätzliche 36,4 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid freigesetzt und die gegenwärtige Konzentration von CO2 in der Erdatmosphäre liegt bei knapp 50 Prozent über dem vorindustriellen Wert. Zum Vergleich: Ein Pro-Kopf-Ausstoß zwischen ein und zwei Tonnen CO2 wäre umweltverträglich, im Schnitt stoßen wir Deutschen allerdings 11 Tonnen pro Kopf aus.

Dabei ist mit 42 Prozent Anteil die Erzeugung von Wärme und Elektrizität weltweit Spitzenreiter bei der Emission von CO2. Danach kommt der Transportsektor (25%) und die Industrie (19%). Dabei ist beim Transportsektor die Straße der Klimasünder Nummer Eins, denn 18 Prozent des weltweiten Ausstoßes von CO2 wurden durch LKWs, PKWs oder Motorräder produziert. "Nur" rund jeweils drei Prozent gehen auf den Luft- beziehungsweise Schiffsverkehr zurück.

Das Problem dabei ist, dass die Kohlenstoffsenken nicht fähig sind, diese zusätzliche Masse an CO2 in der Atmosphäre aufzunehmen und umzuwandeln. Dadurch wird die von der Erde abgestrahlte Wärme noch stärker reflektiert, weniger Wärme gelangt ins Weltall und der Treibhauseffekt verstärkt sich: Das Klima erwärmt sich, der Wasserspiegel der Ozeane steigt und Polkappen schmelzen.

Nun wird das Szenario zusätzlich durch die Abholzung der (Regen-)Wälder verstärkt und selbst kleinste Schwankungen im Ökosystem der Meere können dazu führen, dass sie ihre Fähigkeit verlieren, CO2 zu binden. Welchen Einfluss selbst die industrielle Landwirtschaft mit ihren runtergewirtschafteten Feldern und der Überdüngung im Klimawandel spielt, erklärt die neue Netflix-Doku "Kiss the Ground" sehr anschaulich.

Was ist CO2-Kompensation?

Wer sich fürs Klima interessiert, der kommt also nicht drum herum, seinen eigenen CO2-Fußabdruck zu senken. Dabei spielt Verzicht die eine Rolle, die andere ist das Thema CO2-Kompensation. Aber was bedeutet CO2-Kompensation? Durch den Ausgleich von CO2, also den Kauf von CO2-Zertifikaten, werden Einnahmen für Klimaschutz-Projekte in Ländern bereitgestellt, wo es diese bisher kaum gibt. Die Projekte sollen den Anteil des klimaschädlichen Treibhausgases in der Atmosphäre verringern, die Freisetzung verhindern oder der Atmosphäre CO2 entziehen, zum Beispiel durch das Pflanzen von Bäumen oder die Renaturierung anderer Ökosysteme wie Moore.

Mittlerweile gibt es viele Rechner, mit denen man ermitteln kann, wie viel CO2 man mit seinem eigenen Lebensstil im Jahr produziert. Empfehlen kann ich vor allem den CO2-Rechner vom WWF, da er aufzeigt, in welchen Lebensbereichen wir CO2 produzieren: von der Ernährung über die Fortbewegung bis hin zur Nutzung von Strom. Bei Klimakompensation denken die meisten bisher immer noch nur ans Fliegen, dabei produzieren wir ständig CO2, und, wie wir oben gesehen haben, ist Fliegen noch nicht mal die umweltschädlichste Fortbewegungsart.

Welche Klimaschutzprojekte gibt es?

Mittlerweile gibt es unzählige Unternehmen, die über CO2-Kompensation Klimaschutzprojekte unterstützten. Das bekannteste deutsche Unternehmen in diesem Bereich ist atmosfair, das sich auf die Kompensation von Flügen spezialisiert hat. Um einen Flug zu kompensieren gibt man auf der Website den Abflugort und die Destination an und die Seite errechnet den Klimaschutzbeitrag, der fällig wird. Dieser wird nach Zahlung dazu verwendet, erneuerbare Energien in Ländern auszubauen sowie Projekte in den Bereichen Umweltbildung und nachhaltiger Tourismus zu fördern, wo es diese noch kaum gibt. In Madagaskar beispielsweise bauen Partner-Projekte kleine lokale Solaranlagen für die Stromversorgung. Mini-Biogasanlagen in afrikanischen Dörfern sorgen dafür, das die Einwohner das Gas zum Kochen nutzen können, anstatt fossile Brennstoffe wie Kohle zu nutzen. Und in Honduras wird ein umweltfreundliches Wasserkraftwerk gebaut.

Bei einem Test von Stiftung Warentest kam atmosfair auf Platz 1 des besten Kompensationsdienstleister, gefolgt von Klima Kollekte, einem Zusammenschluss christlicher Träger, und Prima Klima, die neben internationalen auch nachhaltige Projekte in Deutschland fördern. Spannend ist auch das Projekt Climate Fair der Klimaschutz Plus Stiftung: Mit einer Spende wirst du Teilhaber*in einem Bürgerfond deiner Kommune. Die gesammelten Gelder des Bürgerfonds werden regional in Energie-Sparprojekte sowie in Solar- und Windkraftanlagen und lokale Initiativen investiert. Als Teilhaber*in eines Fonds kannst du zudem jährlich mitbestimmen, welche Projekte gefördert werden.

Compensators hebt den Kauf und Verkauf von CO2-Zertifikaten auf eine ganz neue Meta-Ebene, denn die Europäische Union bietet Industrieunternehmen den Kauf von Zertifikaten an und berechtigt sie damit zur Emission von einer Tonne CO2. Mit einer Spende kauft Compensators die Zertifikate aus dem Europäischen Emissionshandel und legt diese dauerhaft still. "Damit stehen sie den Industrieunternehmen nicht mehr zur Abdeckung ihrer Emissionen zur Verfügung und sie müssen ihre Verschmutzung reduzieren", heißt es dazu auf der Seite des Unternehmen.

Einen Überblick über viele deutsche und einige internationale Kompensationsdienstleister findest du hier.

Welche Vorteile hat CO2-Kompensation?

CO2-Kompensation ist eine gute Möglichkeit, in die Themen Klimawandel und Klimaschutz einzusteigen. Ehrlicherweise bin ich selbst vor ein paar Jahren über das Kompensieren meiner damals viel zu hohen Flugbilanz erst richtig in die gesamte Thematik eingestiegen. Das größte Potenzial, das CO2-Rechner meiner Meinung nach mit sich bringen, ist daher, dass sie aufzeigen, wie sehr wir mit unserem jeweiligen Lebensstil das Klima belasten. Wir sollten also nicht erst nach dem Urlaub CO2 kompensieren, sondern schon vorher prüfen, wie wir unseren Fußabdruck verbringen können.

Eines der größten Vorteile, die CO2-Kompensation mit sich bringt, ist, dass kleinere Klimaschutzprojekte gefördert werden, die nicht Teil einer gesamtgesellschaftlichen Klimastrategie sind (wie zum Beispiel Windparks). Dabei müssen wir als Privatpersonen nicht mal viel dafür tun. Klar, könnten wir auch wöchentlich einfach so spenden und CO2-Kompensation befreit uns eh nicht davon, gar nichts für den Klimaschutz zu tun (siehe nächstes Kapitel) – aber es macht uns das Helfen wesentlicher einfacher. Denn CO2 zu kompensieren ist immer noch besser, als es nicht zu tun.

Wenn du CO2 kompensieren willst, solltest du vorab aber darauf achten, bei welchem Unternehmen du das tust. Ein guter Indikator ist die Auszeichnung mit dem WWF Gold Standard. Er stellt nach den Vorgaben des Weltklimarats die höchsten Anforderungen an Klimaschutzprojekte. Diese müssen glaubwürdig mit tatsächlich positiven Umweltauswirkungen durchgeführt werden und zudem noch sozial verträglich sein. Darüber hinaus sollte der Anbieter deiner Wahl transparent über seine angebotenen Projekte kommunizieren und bestenfalls unabhängige Prüfer im Einsatz haben. Denn: Wer zahlt, sollte wissen, was mit dem Geld passiert.

Welche Nachteile hat CO2-Kompensation?

Durch CO2-Kompensation funktioniert der Abbau und Ausgleich nur kurzfristig. Eine langfristige Lösung fehlt dabei, denn der CO2-Ausstoß wird durch die Kompensation ja nicht verhindert. Vielmehr funktioniert der Ausgleich als eine Art Ablasshandel, mit dem man sein Gewissen rein wäscht und schlimmstenfalls sein eigenes Handeln, zum Beispiel übermäßiges Fliegen oder Autofahren, rechtfertigt. Dabei besteht zudem die Gefahr, dass wir in einem Anflug von Klimaschutz einmal CO2 kompensieren und danach nie wieder daran denken, geschweige denn unseren Lebensstil ändern.

Dabei wird auch gern außer Acht gelassen, dass sich unsere sogenannten CO2-Altlast immer weiter erhöht. Das CO2, das wir seit Beginn der industriellen Revolution emittiert haben und weiterhin ausstoßen, ist nicht etwa verschwunden, sondern hängt weiterhin in der Erdatmosphäre. Neben den natürlichen Kohlenstoffumsätzen stellt der menschengemachte CO2-Ausstoß (durch Elektrizität und Wärme, Transport und Industrie etc.) eine zusätzliche Quelle für den weltweiten CO2-Zyklus dar – nur etwa die Hälfte kann von den Pflanzen, Meeren und Böden aufgenommen werden. Genau dieser Umstand hat in der Vergangenheit erst zum Klimawandel geführt.

Dazu kommt, dass all die Bäume, die für den Klimaschutz gepflanzt werden, erst nach zehn bis zwanzig Jahren so groß sind, dass sie CO2 in großen Mengen aufnehmen können. Bis dahin kann viel mit einem einzelnen Baum passieren – vielleicht schafft er es durch Überschwemmung oder Waldbränden gar nicht bis ins ausgewachsene Alter. Außerdem: Ein großer, gesunder Baum nimmt mehr CO2 auf, als ein kleiner kranker. Mischwälder sind besser als Monokulturen. Und wer denkt eigentlich an die Moore und Meere?!

Zudem ist es ja schön und gut, dass Klimaprojekte vor allem im globalen Süden gefördert werden, aber es sind vor allem die großen Industrienationen, die am meisten CO2 emittieren. Dabei steht Deutschland weltweit auf Platz 6! Was bringt es, wenn in Mexiko blind Bäume gepflanzt, aber in Deutschland Wälder wie der Hambacher Forst für den Braunkohlebergbau gerodet werden? Wir sollten uns beim Klimaschutz im eigenen Land also durchaus auch mal öfter an die Nase fassen. Einen zusätzlich bitteren Beigeschmack hat der Fakt, dass viele Unternehmen nur deshalb Projekte im globalen Süden fördern, weil die Lohnkosten in Afrika, Südostasien oder Lateinamerika niedriger sind als in Europa, wie Deutschlandfunk Kultur berichtet. Es ist also billiger, dort eine Tonne CO2 auszugleichen als hier.

Die Lösung

Es reicht also nicht, in den Urlaub zu fahren, das eigene Gewissen mit einer Kompensationszahlung reinzuwaschen und dann weiterzumachen wie bisher. Die Belastung soll ja langfristig geringer werden und das geht nur, wenn man erstens seine eigenen Emissionen runter schraubt und zweitens das kompensiert, was sich nicht vermeiden lässt.

Ein CO2-Rechner wie der von WWF ist also ein guter erster Schritt, um festzustellen, wie stark man selbst das Klima mit dem eigenen Lebensstil belastet. Eine andere gute Seite für Reisende ist Travelinho: Hier kannst das Wunschdatum und den Zielort deiner Reise eingeben und auswählen, ob du mit dem Zug, dem Bus, dem Flugzeug oder dem Auto anreisen willst. In den Ergebnissen der Suche siehst du, welche Anreiseoptionen es gibt, wie viel sie kosten, wie lange die Anreise dauert und vor allem wie viel CO2 du verbrauchst. So kannst du dich vorab über die klimafreundlichste Art des Reisens informieren.

Denn, und das finde ich wichtig zu betonen: Reisen muss per se nicht schlecht sein. Gern wird Urlaub als der Klimakiller schlechthin betrachtet, dabei haben wir ja mittlerweile gesehen, dass unser gesamter Lebensstil Auswirkungen auf die Natur hat. Und davon abgesehen kannst du mittlerweile auch im Urlaub nachhaltig unterwegs sein. Eine nachhaltig gebaute und bewirtschaftete Unterkunft buchen, lokal essen, mal auf das Auto verzichten und stattdessen mit dem Zug anreisen, Wasserverschwendung vermeiden und nicht mutwillig Ökosysteme zerstören – es gibt so viele kleine Dinge, die man tun kann, um das Klima zu retten. Dafür musst du nicht erst als allerletzte Möglichkeit die CO2-Kompensation bemühen.

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