Kaffeekultur in Europa: So verschieden wird Kaffee getrunken

© Christin Otto

Wer an Kaffee und vor allem an die Kaffeekultur in Europa denkt, hat wahrscheinlich zuerst Italien im Kopf. Klar, italienischer Espresso ist echt unschlagbar und kein anderes Land Europas vermarktet Kaffee wohl so gut wie Italien. Steht irgendwo italienischer Kaffee drauf, klingt das doch deutlich besser als österreichischer oder schwedischer Kaffee, oder? Aber in Europa gibt es noch einige andere Regionen, deren Kaffeekultur heraussticht.

Als ich von Wien nach Berlin gezogen bin, hat mich wenig so geschockt wie der Umgang mit Kaffee hierzulande. Wer in Wien einfach einen „Kaffee“ bestellt, wird nicht nur blöd angeschaut, sondern kassiert wahrscheinlich auch einen frechen Spruch. In Berlin aber bestellen viele meiner Freund*innen einfach einen „Kaffee“. Natürlich gibt es auch in Wien das, was damit in Deutschland meist gemeint ist, nämlich Filterkaffee oder Americano. Weil es aber in jedem Wiener Café eine für deutsche Verhältnisse gigantisch große Auswahl an Kaffeekreationen gibt, bestellt kaum ein/e Wiener*in einfach einen Kaffee. Stattdessen gehen Kurze, Kleine Braune, Verlängerte und Wiener Melange über die Theke. Zur Beruhigung: Nicht einmal ich weiß bei allen Kaffeearten auf der Karte direkt, was damit gemeint ist.

Kaffee kam auf Umwegen nach Wien

Besonders ist die Wiener Kaffeehauskultur nicht nur wegen der vielen Arten, die braunen Bohnen zu servieren, sondern weil man hier, anders als etwa in Italien, nicht einfach schnell einen Espresso runterkippt, sondern sich Zeit nimmt. In richtigen Wiener Cafés liegt eine große Auswahl an Zeitungen aus, die viele Gäste ganz entspannt und über Stunden hinweg lesen. Heute zählt die Wiener Kaffeehauskultur übrigens zum UNESCO-Weltkulturerbe. Zu verdanken haben die Wiener*innen das vermutlich den Osman*innen.

Wiener Kaffeehäuser
© Jörg Peter | Pixabay

Denn als die Osman*innen Wien im Jahr 1683 erfolglos belagerten, zogen sie überstürzt ab – und vergaßen dabei aber scheinbar ein paar Kaffeebohnen. So kam der Kaffee erst nach Wien, als in Deutschland längst erste Kaffeehäuser eröffnet hatten. Das erste Kaffeehaus in Wien allerdings soll aber ziemlich abenteuerlich und von einem armenischen Spion gegründet worden sein. Der Kaiser selbst hatte ihm die Bewilligung dazu erteilt, nachdem der Spion zugesichert hatte, den kaiserlichen Hof mit Silber zu versorgen. Weil ein Spion nicht der zuverlässigste Geschäftsmann ist, übergab er das Café schon ein Jahr später an einen Wiener und verließ die Stadt.

Türkischen Kaffee liebt man nicht nur in der Türkei

Kaffee galt schon lange als osmanische Tradition, bevor er in Mitteleuropa ankam. So ist es auch kein Wunder, dass das erste Kaffeehaus Europas in Istanbul eröffnet hat. Seit 1554 wird dort Kaffee serviert, der sich recht deutlich von dem Gebräu unterscheidet, das wir hier gerne trinken. Wahrscheinlich hast du türkischen Mokka, der in einer speziellen Kanne gekocht wird, schon mal gesehen. Viele wissen aber nicht, dass türkischer Kaffee auch in weiten Teilen Osteuropas als DAS Standardgetränk gilt. Wer in Sarajevo oder Skopje unterwegs ist, wird dort auf mit traditionell osmanischen Teppichen eingerichtete Kaffeehäuser stoßen, in denen vor allem türkischer Kaffee ausgeschenkt wird. Serviert wird dieser meistens mit Rosenwasser und etwas Zucker, den zumindest ich dankend annehme, weil ich türkischen Kaffee sonst richtig bitter finde.

türkischer Kaffee
© Sonja Koller

Anfang des 16. Jahrhunderts wurden Cafés im Osmanischen Reich aber sogar verboten. Grund dafür war, dass sich in den Cafés immer mehr Menschen trafen, um dort „ungehorsam zu sein“. Genauer: Bei den Treffen wurden wohl staatsfeindliche, politische Versammlungen geplant. Das Verbot dauerte allerdings nicht lange an und gegen Ende des 16. Jahrhunderts galt Istanbul sogar wieder als der größte Kaffeemarkt der Welt.

Schwedischer Kaffee: stark, mit Ei und gratis 

In welchem Land Europas eigentlich am meisten Kaffee getrunken wird, ist nicht ganz klar. Denn bei den drei großen Rankings des Zentrum für die Förderung von Importen aus Entwicklungsländern (CBI), der National Coffee Association and The Specialty Coffee Association of America und des European Coffee Report werden jeweils andere Länder an die Spitze des Kaffeekonsums gestellt. Ein Land aber steht immer relativ weit oben: Schweden. Durchschnittlich trinken Schwed*innen 1200 Tassen Kaffee pro Jahr, viermal mehr als die Deutschen. In Schweden kommt vor allem sogenannter Kochkaffee in die Tasse. Der ist sauer und stärker ist als das, was wir in Deutschland kennen. Vielleicht wird im hohen Norden auch deshalb so viel Kaffee getrunken, weil es dort üblich ist, sich im Café eine Tasse zu kaufen, und diese dann, so oft man will, kostenlos nachzufüllen.

Cafe da matteo Göteborg fika
© Sonja Koller

In Skandinavien gibt es aber noch eine kuriosere Variante von Kaffee: Eierkaffee. Eigentlich ist dieser Kaffee vor allem in Vietnam bekannt und im letzten Jahr über TikTok nach Europa geschwappt. In Schweden und Norwegen aber gibt es schon länger Fans des Heißgetränks, denn das Ei entzieht dem Kaffee die Bitterstoffe und macht ihn milder. Im Gegensatz zu Vietnam wird der Brühe im Norden aber nicht einfach nur Eigelb und Eiweiß beigemischt, sondern auch die Eischale, die Kalzium mitliefern soll.

Ungeschriebene Gesetze der Kaffeekultur in Italien 

Auf der sicheren Seite ist man im Urlaub geschmacklich meist mit italienischem Kaffee. Faux Pas kann man aber auch hier begehen: Cappuccino trinkt man in Italien eigentlich nur vormittags. Nach dem Mittag- oder Abendessen gilt es sogar als unhöflich, wenn man seinen Kaffee nicht schwarz trinkt. Schwarzer Kaffee geht im Süden übrigens deutlich einfacher runter als im Norden, in Süditalien wird der Espresso nämlich häufig schon gesüßt serviert.

Il Forno nei Sassi
© Charlott Tornow

Warum gilt italienischer Kaffee eigentlich als der europaweit beste? Es liegt an den Häfen. Genauer: am Hafen von Venedig. Dorthin konnten Schmuggler*innen die kostbaren Bohnen aus der arabischen Welt schon vergleichsweise früh bringen. Ein zeitlicher Vorsprung im Vergleich zum Rest Europas, während dem Italiener*innen ihre ganz eigenen Kreationen aus den Kaffeebohnen machen konnten. Heute gilt aber nicht Venedig, sondern Neapel als Hauptstadt des Kaffees. Gerne wird der Espresso hier im Stehen getrunken und mit einer Münze bezahlt. Oder zwei. Denn es gibt hier die Tradition, zusätzlich zum eigenen auch einen Café sospeso zu bezahlen. Das bedeutet so viel wie "ein aufgehobener" und gilt als Vorschuss für jemanden, der sich sonst keinen Kaffee leisten könnte.

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